Textproben

 

Textprobe aus MONA LISAS DUNKLES LÄCHELN 

(Erstfassung Dodo Kresse) 

Sie betrachtete die teilweise abgenommenen Firnisschichten und die kleinen Felder der originalen grünlichblauen, körnig pigmentierten Farbschicht und entschied sich für eine Strichretusche. Sie wollte sich so nahe wie möglich an den Farbwert der erhaltenen originalen Stellen herantasten. So hätte es Samuel gewollt. Eine steile Falte stand zwischen ihren Augen, als sie angestrengt durch die Lupe blickte und den Restfirnis sorgsam mit dem Skalpell wegschabte. Wie hatte Samuel gesagt? „Du musst die Fehlstellen gründlich vorleimen, kitten und dann glätten, es muss wirken, als wären sie niemals da gewesen. Du musst zum Zauberer gegen die Zeit werden. So einfach ist das.“ Sie wünschte sich so sehr, gegen die Zeit zaubern zu können. Einfach die Uhr zurückdrehen auf sagen wir einmal 1937, aber  mit dem heutigen Wissenstand. Dann hätten sie gewiss ihre Sachen gepackt und wären nach Amerika aufgebrochen. Sie und ihr Samuel. Wenn ihr das nur in jenen Tagen schon so klar gewesen wäre, wie es das heute war. Leise Ahnungen hatten sie zwar damals schon, aber es reichte einfach nicht, um die richtigen Schritte einzuleiten. Weder sie noch Samuel hatten eine Vorstellung davon, was auf sie beide zukommen sollte. Sie waren so versunken gewesen in ihre kleine Welt der Kunst - im Frühjahr 1937 hatten sie sich verlobt - still und voller Glück, nach nur sechs Monaten des Kennenlernens. Jeden Morgen spazierten sie durch die Dresdner Stadt zum „Zwinger“, einem der großartigsten barocken Bauwerke Europas und arbeiteten an ihren Restaurations-Projekten. Sie erinnerte sich, wie zufrieden sie beide mit ihrem Leben waren und wie sie es genossen, das Privileg zu haben, in diesem architektonischen Juwel ein und ausgehen zu dürfen. Beim Frühstück nannte er sie oft „Fräulein Principessa“ und sie ihn „Eure Lordschaft“, dann lachten sie und fütterten sich gegenseitig mit Buttersemmeln und Kakao. Im Atelier des Zwingers, lichtdurchfluteten, holzgetäfelten Räumen mit gemalten Stuckdecken, hohen Fenstern und kostbaren Orangenholz-Parkettböden, standen ihre Staffeleien mit den Alten Meistern. Die Bilder kamen zu ihnen - oft grässlich verschmutzt, voller Flecken, Risse und fehlender Ecken - und  sie verließen das Atelier jedes Mal in strahlender Schönheit, als gäbe es kein Altern, kein Vergilben und keine  Trübung. Samuel hatte seine Arbeit geliebt wie kein Zweiter und er war zu einem exzellenten Restaurator geworden, dessen Ruf ihm weit vorauseilte. Anna war sehr stolz gewesen, obwohl sie selbst bereits auf eine sehr ansehnliche Karriere als Kunstexpertin verweisen konnte. Alles ging ihnen leicht von der Hand und so mancher war ein wenig eifersüchtig auf die beiden, weil ihr Leben gar so leichtfüssig und elegant wirkte. 

Als der Zwinger mit dem Semperbau am 13. Februar 1945 durch eine Bombe in Brand gesteckt wurde, war Anna gerade auf dem Nachhauseweg und Samuel bereits weit weg. Wo war er bloss an diesem Tag gewesen? 

 

Anna nahm den gelben Seidenstoff, der sich um den fülligen Körper des Adonis schlang, genauer unter die Lupe. Eventuell handelte es sich bei dieser Farbe um ein Blei-Zinn-Gelb, das nass-in-nass verarbeitet worden war, die hellen Stellen waren mit Weiss zum Glänzen gebracht worden, die dunklen Falten in transparentem Braun eingemalt. Anna nahm sich vor, das Gelb noch eine Spur mehr zum Leuchten zu bringen. Samuel hatte ihr gezeigt, wie das funktionierte. Der Pinselduktus war weich und rasch. Sie arbeitete konzentriert und bemerkte gar nicht, dass ihr Magen knurrte. Sie hatte kein Frühstück gegessen, sondern ihr Zimmer um 5 Uhr 30 mit leerem Magen verlassen, um möglichst rasch bei „ihrem“ Veronese zu sein.  Zwei Stunden später tauchte Fred auf. Sie erkannte ihn schon von weitem an dem Geräusch, das sein schleifendes Bein verursachte und konnte gerade noch rechtzeitig den Veronese bedecken und in das Regal zurückschieben. Sie lief ihm entgegen: „Guten Morgen, Fred. Hast du gut geschlafen?“ 

Freds Miene war finster. Er hatte Anna vergebens in ihrem Zimmer gesucht und sich Sorgen gemacht, ob mit ihr alles in Ordnung wäre. Jetzt war er zwar froh, sie im Helenenwerk der Saline anzutreffen, ärgerte sich aber gleichzeitig über ihr wortloses Verschwinden. 

„Was machst du da?“, fragte er anstatt zu antworten. 

„Ich mache mir Notizen. Wenn ich die zehn wertvollsten Bilder recherchiert habe, werde ich Dr. von Hummel davon berichten. Dann kann niemand mehr von einer Zerstörung reden.“

„Anna, willst du die Dinge nicht doch ein wenig ruhen lassen?“, bat Fred. 

„Ruhen?“, wiederholte Anna ungläubig, „wir können doch hier nichts ruhen lassen! Ich werde besser zu Hitler persönlich gehen. Er kann unmöglich wollen, dass seine größten Kunstwerke zu Schutt und Asche verkommen. Nein, das kann er nicht!“

„Bist du dir eigentlich so gar nicht im Klaren, was das für ein Mensch sein muss?“, fragte Fred, „du siehst doch, was wir ihm alles zu verdanken haben. Wie kannst du nur glauben, dass er auf dich hören wird?“

„Weil er die Kunst liebt, deswegen“, sagte Anna bockig und rollte das Lederetui zusammen, indem ihre Pinsel fein säuberlich nach Größen geordnet von einem Gummiband zusammen gehalten wurden. 

Fred schüttelte den Kopf und sah sie verständnislos an. 

„Du bist wirklich...“, er beendete den Satz nicht wie vorgehabt, „egal, ich muss jetzt gehen, die Familie bereitet sich auf die Beerdigung meines Neffens vor.“

 

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Textprobe, erschienen in meiner 52-teiligen Kolumne "Tischkultur" im DER STANDARD

Geadelte Brutalos

oder: warum manche einfach das Zeug dazu haben

 

Es verhieß ein Abend zu werden, wo man mit Sicherheit nicht über den wackeligen Immobilienmarkt, verpatzte Steuererklärungen oder die jüngste Ausstrahlung von „Hohes Haus“ zu sprechen kommen würde. Herr Stidritz nebst Gattin hatte zum Dinner geladen. Stidritz ist mein Nachbar von gegenüber und besitzt eine Apotheke. Er behauptet, er hätte sie nie von innen gesehen, sein Pächter wäre ein Prachtkerl, der „das alles“ wunderbar managen wärde. Die monatliche Pacht verwendet Stidritz für den Unterhalt seiner siebzehn Katzen und natürlich seiner Frau, die niemals lesen und schreiben gelernt hat, dafür umso dramatischer im Kochen ist. Daneben bespricht sie allabendlich ihr Sony-Diktiergerät, ein Geschenk vom guten Stidritz, mit Gedichten, die allesamt mit „Oh, ihr starken Bären!“ beginnen.

Ich packte also die Blumen, eine Handvoll Vergißmeinnicht, aus dem Papier, spazierte über den Gang und läutete. Stidritz öffnete - im Nachthemd. „Hab' ich mich im Tag geirrt, mein Freund?“ Stidritz glotzte, legte die Stirn in Falten und lachte: „Aber nie und nimmer, wie kommst du darauf?“ Ich warf ihm ein „Och, nur so“ ins Zimmer und schritt wacker hinterdrein. Frau Stidritz kam mir im  Wohnzimmer entgegen - barfuß, ebenfalls im Nachthemd und mit einem Pluto-Hunde-Knochen im Haarknoten. „Bärli“, sagte sie zu ihrem Gatten und kniff ihm zärtlich in die Wange, „biete unserem Gast doch einen Drink an“. Mit flatterndem Linnen verschwand sie in der Küche.

Der Fernet legte sich in meinen Magen wie eine schnurrende Katze. Stidritz warf den Steingrill an und sein Weib brachte eine riesige Schüssel voll rohem Fleisch, ungeschnitten. Hernach eine Gurke, ein paar Karotten und einen schneeweißen Rettich von gut einem halben Meter Länge. Langsam kam mir das alles recht spanisch vor.

Mein Nachbar drückte mir eine seltsam geformte Kelle in die Hand und versetzte mir einen gehörigen Schlag auf den Rücken. „Da, haha, ab jetzt gilt das Faustrecht“ rief er und schnappte sich den riesigen Fleischbrocken. Was, um Himmels Willen, war in meinen sanftmütigen, hilfsbereiten, rein in Gold zu fassenden Nachbarn gefahren. Ich betrachtete das glänzende Ding in meiner Hand. Formal angesiedelt zwischen Brieföffner, Objektkunst und chirurgischem Spezialinstrument konnte ich mir doch nicht erklären, was es damit auf sich hatte. Fünf Katzen warfen sich gerade über abgefitzelte Fleischreste, die Stidritz einfach auf den Boden fallen ließ, was sonst niemals seine Art gewesen war. Seine Gattin hatte inzwischen auf dem Boden Platz genommen, teilte das Besteck aus und intonierte in einem monotonen Sing-Sang: „Mono-Mono-Mono-Mono“.

„Es geht doch nichts über einen anständigen Brutalo-Abend a la Neandertal“, grinste Stidritz und tippte mir auf die Nase, „natürlich nur, wenn man das richtige Zeug dazu hat!“ Bei dem Wort Zeug patschte er sich auf die Schenkel, zwinkerte seiner Frau zu und beide hielten sich vor Lachen die Bäuche. Und endlich fiel bei mir der Groschen. Es war zwei Wochen her. Stidritz Geburtstag stand vor der Tür, also auch ich mit einem allerputzigen Geschenk Marke „Designer-Hausrat“. Vier hübsche Holzkistchen mit Plexiglas-Schiebedeckel. Darunter das Ur-Besteck. Gewidmet einer Frühstufe der menschlischen „Tafelkultur“ und verpflichtet der räumlichen Nähe zum Neandertal (ca. 5 km bei Mettmann, dem Stammsitz der Fabrik). Ich fand es sehr archaisch und erstaunlich leicht und vortrefflich in der Hand liegend. Ein Messer wie ein moderner Faustkeil, was will der Mensch mehr? Eine Gabel, schlank wie eine halb verhungerte Gazelle mit vier abstehenden Zinken, die eher an Partyspieße oder die Tentakel einer seltenen Meerestierart erinnert. Dazu eben jene Löffelkelle, die hervorragend zum Schöpfen geeignet ist. Und im Gegensatz zur hohlen Hand läuft nichts durch. Der Meisterdesigner heißt übrigens Michael Schneider, was nicht weiter Wunder nimmt, die Messer sind scharf wie Jane Russel. Natürlich besteht das ganze Sortiment aus 18/10 Edelstahl. „Wenn Stein Stahl wäre, so hätten es die Neanderthaler gemacht“, doziert Andrea mit dem Brustton der Überzeugung. Vor zwei Wochen noch hatte ich Stidritz mit einem Schmunzeln gesagt, heuer bekäme er von mir nur „Zeug“, denn die mono-Besteck-Serie trägt diesen passenden Namen. „Heda“, schrie ich nun auch, griff mir den stählernen Keil und ließ ihn in die blutigen Fleischfasern durchdringen.

 

(erschienen in meiner 52-teiligen Kolumne "Tischkultur" im DER STANDARD)

 

Nasse Pferde und falsche Forellen

Oder: Wo das Sammeln aufhört und das Verbrechen beginnt.

 

Ich habe einen Freund, der heißt Camillo und stiehlt. Er selbst behauptet, er sei lediglich ein etwas zu passionierter Sammler. Ist das nicht eine faule, moralisch immens verwerfliche Ausrede? Zugegeben, es passiert nur einmal im Jahr und überdies ausschließlich im Ausland - trotzdem, ich mag's nicht, dieses läppische Verbrechen, das hier nur „der Form halber“ als Coup bezeichnet werden kann. Ja, er hamstert kleine, hauptsächlich dickwandige Moccatassen aus Italien und Frankreich. Unlängst verglich ich ihn mit einem neureichen Affenpinscher, der hoteleigene Badematten und Handtächer mitgehen lässt. Er rümpfte nur die Nase und meinte: „Ich bitte ich dich, meiner Verteidigung zu lauschen, die ich mir für den Fall der Fälle zurechtgeputzt habe: Da man schwerlich heißen Mocca aus der hohlen Hand schlürfen kann, zählt das Gebinde also zwingend zum Inhalt, der zweifelsohne ein Lebensmittel darstellt. Und somit fällt die ganze Angelegenheit unter Mundraub. Eine Bagatelle. Wer will mir daraus einen Strick drehen?“ Ach -  soll der ansonst so ehrenwerte Herr - er bezahlt Radio-Steuer, Sonntagszeitung und reklamiert zu niedrige Restaurantquittungen - mit seinem Laster alleine fertig werden. Aber auch Verbrecher haben Geburtstag und so spazierte ich denn in die Wiener Innenstadt, um sein Diebesgut, das er in einer eigens dafür angefertigten Glasvitrine im Wohnzimmer  aufbewahrte, um eine käuflich erworbene Schale zu erweitern.

Allerlei Seltsames sah ich. Beispielsweise die „Cupola“ Love-Cups. Eine Schöpfung von Mario Bellini, die beweist, dass man ulkige Ideen nicht unbedingt ausführen muss. Die Untertassen wurden keramisch vermählt, was nur dann praktisch erscheint, wenn man ans Abservieren denkt. Ansonsten wirkt es irgendwie erschreckend. Besonders, wenn man an die steigende Scheidungsrate denkt - ein untrennbares Gut ist da sicher keine gute Idee. Die Henkel sind erstens ergonomisch unterm Hund und zweitens nicht jedermanns Geschmack. Daneben waren no name-Kreationen mit aufgemalten Pferden im Gewittersturm zu sehen. Nasse Pferde! Wo hatte ich das schon mal gehört? Kopfschüttelnd ging ich in den siebenten Laden. Und plötzlich sah ich sie. Ganz bescheiden in einem schwarzen Schaukasten standen sie aufgereiht: die neuen Espresso-Sammeltassen der Reihe „O Sole mio“. Eine Augenweide nebst haptischem Moccatrinker-Genuss. Kein geringerer als Formenzauberer Matteo Thun, der Mann mit dem sensiblen Blick der sieben Weltmeere, zeichnete die Grundform der Untertasse mit einem erhabenen Sockel, auf dem der Schriftzug „O Sole Mio“ zu lesen ist. Der Sockel, so habe ich mir erklären lassen, soll die Silhouette des Vesuvs als Wahrzeichen Neapels darstellen. Das wäre mir nie eingefallen, denn Vulkane sind zumeist groß, gefährlich und niemals aus Porzellan. Neun Künstler bemalten die grazilen Schälchen, deren Dünnwandigkeit ich zum ersten Mal als sehr gelungen und zum Süden passend empfand. Für Kenner empfehlen sich die Nummer 6 von Moxedano, ein rot-gelber aztekischer Sonnenrad-Entwurf und die Nummer 7 von Nello Rosica, eine Schelmenkappe in weiß auf blauem Grund für die Untertasse und eine gelbe Narrenhaube innerhalb der Tasse. Die Künstlertasse mit dem Dekor von Ernesto Tatafiore fällt ein wenig aus dem Rahmen. Während alle Thun-Cups geometrische Malereien aufweisen, pinselte der gute Ernesto einen Fisch mit einem Schwert in den Flossen auf die Untertasse und ins Tässchen, sozusagen als Überraschungsdekor, eine Gitarre spielende Forelle im gelben Jogginganzug. Für diese Exaltiertheit wandert allerdings ein satter Batzen Aufschlag über die Budel. Dafür gibt es weltweit nur 1.500 Stück davon. Als ich „weltweit“ hörte, dachte ich an meinen Camillo und seine „Streifzüge“ und ließ mir die musikalische Forelle geschwind einpacken, bevor's ein and'rer tut.

(erschienen in meiner 52-teiligen Kolumne "Tischkultur" im DER STANDARD)

 

King Kong  und der Pelikan

 

Der sehr beleibte Herr Stidronsky hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, seiner Gattin aufzutragen, ausnahmslos Tischtücher, die bis zum Boden reichen, anzuschaffen. Der tiefere Sinn dieses Imperativs lag in seiner Schrulle, ein Eck des herabhängenden Stoffes bis ans Kinn zu ziehen, um es sich hernach zwischen Kragen und Hals zu stopfen.

Dieses pelikaneske Zelt unter seinem Goderl hatte ohne Zweifel bereits so manchen Gast aus der Fassung gebracht. Mir konnte er damit wenig imponieren. Lediglich um der Höflichkeit ein kleines Revier zu schaffen, schnalzte ich ein unehrliches "Faszinierend" in die Stille. "Somit", dozierte Stidronsky, "verkleinere ich die Gefahr, dass Brösel und sonstiger Kram auf den Perser fallen."

Stidronsky war zwar ein aufgeblasener Bursche, aber beizeiten ein amüsanter Gastgeber. Unsere Bekanntschaft rührte aus der Volkhochschule, wo wir beide denselben ulkigen Waffenkundekurs belegt hatten. Nach der ersten Unterrichtseinheit beschlossen wir, das Loch in unserer sonst exzellenten Allgemeinbildung bestehen zu lassen und das nächstliegende Kaffeehaus aufzusuchen. Irgendetwas machte mir ungeheuren Eindruck. Waren es die mattgelben Schnallenschuhe oder das Sakko, dessen Anmutung zwischen orientalischem Detektiv-Jäckchen und Wallstreet-Nadelstreif schwankte? Vielleicht war's auch sein Bart - schmal, pechschwarz eingeölt und steif wie eine Bourbon-Vanillestange.

Die Einladung zum Abendessen bei Stidronskys verdankte ich dem Umstand, dass ich mich auf der Durchreise befand und das Hotelessen hochgradig entsetzlich schmeckte. So blieb Stidronsky nichts anderes übrig, als mir die Ehre angedeihen zu lassen, die Kochkünste seiner Gattin zu testen.

So sass er also zu meiner Linken, der Pelikan mit dem geröteten Kopf und der Vanillestange mitten im Gesicht. Die Gemahlin hantierte in der Küche, schepperte und klapperte, was das Zeug hielt. "Nur zu, genieren Sie sich nicht", Stidronsky fasste unter den Tisch, schnappte sich das vis-a-vis herunterhängende Tischtucheck und hielt es mir entgegen. Auf mein Zögern ließ Stidronsky den so freimütig angebotenen Zipfel fallen, riss sich seinen Pelikanhals vom Kragen und wählte so lange in einer Kommodenlade, bis er schließlich unter grießgrämigem Gebrummel eine halbwegs weiße Stoffserviette normaler Dimension fand. "Hier", grunzte er und schob einen Serviettenring über das eingerollte Leinen, "aber geben Sie ja acht, der Teppich ist nicht von Pappe."

"Warum dieser Aufwand mit dem Serviettenring? Ich darf dies als Einladung zu Frühstück, Mittagessen und abendlichem Soupe des morgigen Tages verstehen? Denn nur dann hätte die Kennzeichnung der Serviette Sinn.? Stidronsky hielt inne, rollte seine Seehundaugen und meinte: "Was faseln Sie da?? ?Außerdem muß hier ein Irrtum vorliegen. Diese Ausstanzung in Form eines Herzens scheint mir doch eher zu bedeuten, dass es sich bei diesem Ring um den Ihrer Gattin handeln dürfte??

"Ausstanzung, Kennzeichnung? Ich versteh? nicht.." Stidronsky, der nun wieder seine Tischtuchserviette trug, erwies sich in diesen Dingen als erstaunlich unbeleckt.Und wer hat den Unsinn in Umlauf gebracht, dickere Herrschaften wären friedlich? Mein Gastgeber schickte sich an, einem cholerischen Anfall anheimzufallen. Ich erhob mich, schlenderte zur Kommode, fischte ein paar weitere Serviettenringe aus der Lade und breitete sie vor ihm aus. "Ihr Engagement für die Kultur der Serviettenringe scheint nicht besonders ausgeprägt, was ich angesichts Ihrer so ganz individuellen Serviettenauffassung durchaus verstehe. Darf ich Ihr rein akademisches Interesse trotzdem für einen Augenblick auf diese glänzenden Kleinode lenken? Machen Sie mir doch die Freude."

"Nur zu", brummte Pelikan, "bin ja kein Kulturverächter. Hat übrigens meine bessere Hälfte ausgesucht. Alessi. Ja die Italiener, denen macht so leicht keiner was vor, wenn's um Mode geht, was?"

"King-Kong heissen die", flötete Frau Stidronsky, die soeben den Braten hereinbalancierte, "ist das nicht zum Schießen?"

Stidronsky zwinkerte mir zu, ihn nicht zu verraten. Der Waffenkundekurs war top-secret. Seine Frau würde vor Schreck in Ohnmacht fallen. Ich hielt dicht, Ehrensache. "Nun, sehen Sie, Herr Stidronsky, jeder Ring trägt ein anderes Symbol: eine Blume, einen Hund, eine Katze, einen Knochen und so fort. Das hat ja alles seine Bedeutung, wenn Sie verstehen?"

"Bedeutung, hmm", Stidronsky zog sein rechtes Ohrläppchen in die Länge, als würde dadurch sein Gehirn besser arbeiten können.

"Ja, dadurch kann der jeweilige Besitzer die Serviette öfters benutzen und dabei sicher sein, dass er zu jeder Mahlzeit wieder seine eigene bekommt. Schließlich will man nicht den Lippenstift einer fremden Dame auf seinem Mundtuch finden."

"Na klar!" Stidronsky patschte mit seiner Flossenhand auf den Tisch, dass die Gläser tanzten und rief: "Auf Nummer sicher gehen. Was ich immer sag! Gell Schatzi?" Er schlang den rechten Arm um die Taille seiner Frau, die leicht errötete und mir abermals zuflüsterte: "King-Kong, ist das nicht zum Schießen?"

(erschienen in meiner 52-teiligen Kolumne "Tischkultur" im DER STANDARD)

 

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