Geschichten erzählen

 

JANE

 
Jane war achtunddreißig Jahre, als sie die Stadt verlassen hatte. Keiner im Dorf wusste, warum und woher sie gekommen war und die heruntergewirtschaftete Tankstelle gepachtet hatte. Die Frauen zischten giftig, wenn von ihr die Rede war, sie wäre verrückt, verworfen und überhaupt wäre das Tankstellengeschäft Männerarbeit. Die männlichen Dorfbewohner schwiegen.  Jane ließ die groben Burschen sanft werden, statt zotiger Witze brachte man ihr Respekt entgegen. Keiner hätte zu sagen vermocht, wodurch Jane die rauhen Kerle in Lämmer verwandelte. Selbst Jane wußte es nicht. Sie versorgte das Geschäft allein. Oft war über Stunden nichts zu tun.

Im Sommer, wenn die Julihitze über der Landschaft brütete und den bröckeligen Asphalt zum Flirren brachten, saß Jane tagsüber draußen auf der Holzveranda in einem alten Lehnstuhl. Ein breitkrempiger Strohhut verdeckte Augen und Nase,  abgeschnittene Jeans ließen ihre sonnengebräunten Beine sehen. Jane döste vor sich hin. Es war nicht das dumpfe Dösen eines Hundes, eher das Augenschließen einer Katze, Geräusche und Gerüche dabei konzentriert wahrnehmend. Jane sog den Benzingeruch genießerisch in die Nase, sie hatte den scharfen Duft gern.

Sie liebte es, wenn nach stundenlanger Ruhe ein Auto den Kies der Einfahrt aufwirbelte und mit lautem Getöse der Wagen vor ihr zum Stillstand kam. Die Gewißheit, dass der Kunde nach ein paar Minuten wieder verschwunden war, schien ihr die größte Freiheit auf Erden. Manchmal plauderte sie mit einem Lenker über die Benzinpreise, eine Reiseroute oder das Wetter. Und obwohl beinahe jeder, der an Janes Tankstelle anhielt, bemerkte, dass hier eine ungewöhnliche Frau Treibstoff verkaufte und Windschutzscheiben polierte, war jeder einzelne allzu vertieft in sein kleines Leben, als dass er sich näher mit Jane beschäftigt hätte. So hatte sie es ja geplant. Ihre Rechnung schien aufgegangen. Das Telefon läutete nur mehr, wenn jemand eine Autopanne hatte oder Lieferanten die ausständigen Rechnungen einmahnten. Beides kam selten vor. Die rostige Glocke an der Aussentür läutete ebenfalls nur, wenn ein Kunde Hilfe brauchte. Keine Freunde, keine Verwandten, keine Bekannten betätigten die Klingelschnur. Der nächste Nachbar war fünf Kilometer entfernt und verhielt sich distanziert, schon um Ärger mit seiner Frau aus dem Weg zu gehen. Jane aß, wenn sie Hunger hatte, sie trank, wenn sie durstig war. Sie legte sich aufs Bett, wenn sie sich müde fühlte. Oft ging sie in den nahegelegenen Wald und marschierte vier, fünf Stunden drauflos, um danach mit schwereren Gliedern ins Bett zu fallen. Dann lag sie auf ihrem schneeweißen Leintuch, den Polster in den Nacken gerollt, auf dem Rücken und spürte ihre erhitzen Füße, die Wärme in ihren Waden, ihren Oberschenkeln und die entspannten Muskeln entlang der Wirbelsäule. Janes Haus war sehr klein, von außen deckte sich der Eindruck der Verfallenheit mit dem des Tankstellen-Kobels. Doch die Inneneinrichtung hatte sich Jane manches kosten lassen. Rötlich schimmerte das Parkett aus Kirschholz gegen die schicken Designermöbel.  Die Wände hatte sie weiss kalken lassen, das Bett war mit einem hohen Baldachin versehen, von dem zarte Mousslin-Bahnen herunterhingen. Die Stereoanlage hatte sie ein halbes Vermögen gekostet, ebenso die Extravaganzen im Bad, ein steinernes Viereck, im Boden eingelassen. Helle Stufen führten in das etwa ein Meter tiefe Wasser. Wenn Jane badete, benötigte sie mindestens drei Stunden. Zu allererst schrubbte sie unter der lauwarmen Dusche das Motoröl, die Benzinflecken und den Straßenstaub mit einer groben Bürste vom Körper. Dann wusch sie ihr kurzes, gewelltes Haar mit Zitronenshampoo und knetete Olivenöl hinein. Nach einem letzten kühlen Guß stieg sie in das warme, von Badeölen weiche Wasser des Steinbeckens. Spielerisch ließ sie Kornblüten und die Blätter wilder Rosen auf der Wasseroberfläche schwimmen. Manchmal warf sie auch große, glatte Steine hinein und ließ sich mit lautem Lachen hinterdrein fallen. Ihr Körper war wieder muskulös geworden, die Haut geschmeidig und weich. Die Schwächeanfälle und die harten Züge um den Mund waren verschwunden, sie blickte oft in den Spiegel und lächelte sich zu, gedankenverloren und zufrieden. Jane hatte seit vielen Monaten keine Zeitung oder Illustrierte mehr aufgeschlagen. Die Tage verrannen wie Sand. Da sie auch am Wochenende offen hielt, war es nicht mehr wichtig, welchen Namen die Tage trugen. Die Zeit dehnte sich und paßte sich nunmehr ihrem Rhythmus an. Sie erinnerte sich nur in sehr kurzen Momenten an ihr vollgeschriebenes schwarzledernes Notizbuch, das ihre Tage in der Stadt bestimmt hatte. Nun kam sie mit einem  Stehkalender aus, der für dienstliche Zwecke spärliche Eintragungen enthielt. Auf ihren langen Spaziergängen murmelte sie manchmal mit sich. Die meiste Zeit aber schwieg sie.

Die Kundenglocke läutete, als Jane gerade einen jungen Maulbeerbaum auf das Wiesenstück hinter dem Haus pflanzte. Sie hatte kein Motorengeräusch gehört. Langsam band sie den Spagat, der dem Bäumchen Halt geben sollte, zu einem Knoten und schlenderte zur Vordertür. An einer der Zapfsäulen lehnte ein junger Mann, neben ihm ein altes Motorrad. Der Tank war leer. Von der Anstrengung, die Maschine den Hang hinaufzuschieben, war sein Hemd schweißnass geworden. Jane öffnete den Tankdeckel ohne den Burschen zu grüßen; sie lächelte kurz und schob den Zapfhahn in die Tanköffnung. Während sich der Tank füllte, fiel ihr Blick auf seine Arme, die ruhig am Körper herunterhangen. Seine Hände waren entspannt. Männer- und Frauenhände fielen ihr ein, wie durch einen Schleier sah sie Finger schnippen, Fingerkuppen auf den Tisch trommeln, Hände winken, geballte Fäuste durch die Luft fuchteln. Zum ersten Mal kam ihr zu Bewußtsein, dass sich die Hände der Menschen, mit denen sie in der Stadt gelebt hatte, ständig in rastloser Bewegung befanden. Sogar die Alten drehten unruhig Däumchen oder strichen in monotonen Bewegungen an Oberarm oder Schenkel entlang, als müssten sie sich unentwegt selbst beruhigen, weil es sonst keiner tat. Diese Hände waren anders. Sie waren äußerst muskulös, aber so ruhig, als würde der Mann schlafen.

Sie schraubte den Deckel zu und wies auf die Preisanzeige auf der Zapfsäule. Er nahm sein Portemonnaie aus der Hosentasche und zählte lautlos die Scheine ab. Als sie das Geld nahm, sah sie ihn sein Gesicht, er war mindestens einsneunzig, wenn nicht größer. Ernst blickten seine grünlichbraunen Augen. Als sie ihm das Wechselgeld herausgegeben hatte, kehrte sie zurück zu ihrem Maulbeerbäumchen. Unwillkürlich wartete sie auf das Brummen der Maschine und das kratzende Geräusch fliegender Steinchen, aber es blieb ruhig. Die Sonne brannte herunter und sie schob den Hut in den Nacken. Ein Windstoß hob den gelockerten Strohhut von ihrem Kopf und trieb ihn vor sich her, quer über den Garten. Sie stand auf, dehnte ihre Schultern und wollte den Hut wieder aufheben, als ein schmaler Schatten ihren Weg kreuzte. Der junge Mann mit den ernsten Augen faßte den Hut an der Krempe und streckte ihn ihr entgegen. Als auf ihr „Danke-schön“ keine Antwort kam, fiel ihr auf, dass er noch kein Wort gesprochen hatte. Sie fragte: „Bier?“. Er nickte.

Sie saßen auf der von Regen und Sturm verwitterten Holzbank und leerten jeder eine Dose kühles Bier. Er bot ihr eine Zigarette an, sie schüttelte den Kopf, dankbar, dass nichts mehr in ihr nach dieser dummen Gewohnheit verlangte. Sorgsam packte er die Schachtel wieder weg, ohne sich selbst eine anzuzünden. Sie wollte nicht wissen, warum er hier bei ihr saß, ebenso war sie völlig desinteressiert daran, was er beruflich tat, woher er kam, in welchem sternzeichen er geboren war und welche Musik er bevorzugte. Jane betrachtete seine Hände, die halbgeöffnet in seinem Schoss lagen. Rein äußerlich war nichts besonderes zu erkennen, es waren gebräunte, starke Hände mit kräftigen Fingernägeln, die große, helle Monde zeigten. Wenn die Bezeichnung Aura irgendwohin paßte, dann wohl zu diesen Händen, dachte Jane. Sie ging ins Haus und säbelte ein paar Scheiben Brot vom Laib, packte Radieschen, Schnittlauch, Zwiebeln, Schinken und Käse sowie einen Krug kalter Milch auf ein Tablett und kehrte damit zurück. Sie aßen von runden Holzbrettchen und es tat wohl. Keiner sprach. Die Vögel waren leiser geworden, wie immer, wenn sich die Dämmerung langsam über das Land legte. Er trank drei Gläser Milch und sah sie an. Alles, was seiner Meinung nach gesagt werden mußte, erledigte er mit Gesten, unauffällig und mit einer Selbstverständlichkeit, als würden alle Menschen bloß mit den Händen reden. Niemals zuvor war ihr die Entbehrlichkeit der Wörter so deutlich geworden. Geahnt hatte sie es schon lange, aber durch diesen Mann wurde das undeutliche Gefühl zur Gewißheit. Der Wind fing sich in den Ästen der Linde und spielte mit den Blättern. Er sah hinauf, als würde er einer Melodie lauschen.

Die Nacht verbrachte er im kleinen Schuppen neben dem Haus. Jane hatte ihn als kleines Atelier eingerichtet mit einer Staffelei, Tisch und Sessel und einem alten Messingbett. Sie war nie zum Malen gekommen, es genügte ihr, die Farben und Pinsel zu betrachten und sich vorzustellen, was sich daraus ergeben könnte. Die beiden Leinwände waren weiss geblieben.

Als der Morgen sich durch das Miauen einer Katze und übereifrigem Meisen-Gezwitscher ankündigte, erwachte sie mit ungewohnter Nervosität. Irgendetwas hatte sich verändert, hatte ihr gleichmäßiges Leben eine Spur verrückt. Der Mann im Schuppen. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen und kochte Tee für zwei. Als sie an seine Tür klopfte, rührte sich nichts. Wahrscheinlich ist er bereits weg, dachte sie und wusste nicht, ob dies als Anlaß zur Beruhigung oder zur Besorgnis zu werten war. Sie reckte ihren Kopf und sah das Motorrad an der Seite des Schuppens lehnen. Er war also noch da. Sie stellte das Tablett mit Tee und Honigbrot vor die Tür, setzte sich daneben ins leicht feuchte Gras und wartete, während sie den heissen Tee schlürfte. Etwa nach einer Stunde öffnete sich die Tür. Er stand im Türrahmen, erfrischt, als hätte er eben eiskalt geduscht und wäre bereits seit Stunden wach. In seinen Augen stand ein zärtliches Lächeln, das Janes Härchen auf den Armen aufrichtete. Dankbar nahm er die Brotschnitte entgegen, setzte sich neben sie und kaute bedächtig. Die nächsten Tage verliefen wie alle vorherigen, mit der einzigen Ausnahme, das nun ein zweiter die wortkargen Stunden mit ihr teilte. Manchmal bedient er die Kunden, sie wechselten sich ab, ohne vorherige Absprachen. Niemals betrat er ihr Haus. Er respektierte ihr Revier instiktiv wie ein  Tier. Aber die Wiese hinter dem Haus gehörte ihnen. Sie berührten sich nicht und doch war es Jane, als widerfuhr ihr die intensivste Liebesgeschichte ihres Lebens. Eines Abends, als sie gegessen hatten, und ausnahmsweise auf der vorderen Veranda saßen, konnte sie sich den Eindrucks nicht erwehren, dass er ihr etwas sagen wollte. Kurz befiel sie ein sanfter Schreck, seine Stimme würde alles zerstören. Langsam bildete seine Hand eine flache Schale und er führte seine Lippen an das Fleisch seiner Handinnenfläche. Jane atmete gleichmäßig, sie wusste, in diesem Kuss lagen die Sterne, der Wald, die Wiesen und Bäche der Umgebung. Er liess die Hand ein Stück sinken, sah ihr in die Augen und blies den unsichtbaren Kuss gegen ihr Gesicht.

Wenn Jane in den vergangenen Monaten auch nur einen Augenblick daran gedacht hatte, ihr neues Leben aufzugeben und in die Stadt zu ihrem alten Beruf als Immobilienmaklerin zurückzukehren, so hatte diese Geste ihr den letzten Zweifel genommen. Sie würde bleiben.

Am nächsten Morgen schrieb sie einen Brief an ihre Bank, dass sie ihr Konto nun komplett aufzulösen gedenke und man ihr das restliche Guthaben postlagernd überweisen möge. Der zweite Brief war an ihren Mann gerichtet, sie versuchte, zu erklären, beliess es aber bei einem etwas surrealen Gedicht, dem letzten einer langen Reihe. Der Tag schien wieder sehr heiss zu werden. Draussen stand der junge Mann, startete die Maschine. Sie befestigte das „Geschlossen“-Schild an der Zapfsäule, ging auf ihn zu, setzte sich hinter ihn und schloss ihre Arme um seinen Brustkorb. Der Fahrtwind griff in ihre kurzen Locken, die beiden Briefe flatterten aus ihrer Tasche und fielen auf die Tankstellenzufahrt.  Pläne hatten in Janes Leben gar nichts mehr verloren – es gab einfach keinen besseren Plan, als den, keinen zu haben.

(Weiterlesen im "Handbuch der Gesten" von Dodo Kresse & Georg Feldmann, Verlag Deuticke)

 


Valentinas Visionen

(Auszug)

Valentina konnte ihre Augen nicht abwenden von dem Schauspiel, das sich ihr an jenem Dienstagnachmittag bot. Seine Handgelenke waren relativ zart. Wenn ihr neuer Klavierschüler, Dr. List, in regelmässigen Abständen eine Seite des Notenhefts umblätterte, konnte sie die Sehne, die unter der dünnen Haut an der Innenseite des Gelenks hervortrat, arbeiten sehen. Rechts davon war die neapolitanisch getönte Haut durch einen weißen Fleck in Form eines langgezogenen Mandelkernes unterbrochen. Eine alte Verletzung? Fahrradsturz, Mopedunfall? Die Nähe der Narbe zur Pulsader ließ Valentina kurz an einen Selbstmordversuch denken – verschmähte Liebe, eine amouröse Katastrophe? Valentinas Blick wanderte das Gelenk hinauf zum Handrücken. Sie hatte Pigmentflecke und hervortretende Adern auf alten Händen, besonders auf denen ihrer Großmutter immer schön gefunden, bis ihre eigenen Hände davon betroffen waren. Valentina war letzten Herbst achtundvierzig geworden und schrubbte seitdem ihre Hände jeden Morgen mit einer Zitronenhälfte, um die bräunlichen Verfärbungen im Zaum zu halten. Dr. Lists Pigmentmale wirkten eher wie übermütig verteilte Sommersprossen, sie gemahnten nicht an wertlos verrinnende Zeit sondern weckten in Valentina ein Gefühl männlicher Lebenserfahrung und Weltgewandtheit. Die bläulich schimmernden Adern zeichneten ein geheimnisvolles, sich stets kaleidoskopartig änderndes Muster auf seinen Handrücken. Wie oft hatte Valentina zwei Hände über die Tasten gleiten sehen und niemals an etwas anderes gedacht, als an die richtige Abfolge von Tönen. Dr. List spielte eine Mendelsohn-Sonate, weder stümper- noch meisterhaft, aber durchaus gefühlvoll. Fasziniert von dem Tanz der Hände nahm sie die Melodie nur entfernt wahr, als käme sie aus dem Nebenzimmer. Sie musste lächeln, als Dr. List bei einem schwierigen Fingerlauf stolperte und das Fußpedal aus kindlichem Trotz stärker als unbedingt notwendig durchdrückte. Freundschaftlich klopfte sie kurz auf seine Tweed-Schulter und meinte: „Langsam, langsam, lassen Sie sich bloß nicht hetzen.“ Im selben Augenblick erschrak sie vor dieser vertraulichen, intimen Geste – schließlich hatte sie Dr. List erst vor einer halben Stunde kennen gelernt. Aber er lachte nur und setzte sein Spiel umso schwungvoller fort. Sie war einen Schritt zurückgetreten und verfolgte wieder die unruhige Choreographie seiner Hände. Es mag Männer geben, deren Hände formvollendeter waren, ebenmäßiger. Aber diese waren einzigartig durch ihre Geschichte. Die Fingernägel waren kurz geschnitten, aber immer noch lang genug, um auf dem glatten Elfenbein deutlich hörbare Tippgeräusche zu erzeugen. Winzige, helle Pünktchen auf der Nageloberfläche wiesen auf Kalziummangel hin. Was war das für eine Frau, die sich so wenig um ihren Mann kümmerte? Oder war Dr. List allein stehend so wie sie? Sie schüttelte den Kopf und fühlt sich wieder einmal in ihrem Vorurteil bestätigt, dass Männer, im Gegensatz zu Frauen, als Alleinlebende sehr schlecht zu Rande kämen. Er trug keinen Ehering, sondern einen blauen Siegelring, benachbart von einem einfachen Kupferreifen. Valentina konnte das Wappen des Siegelrings nicht genau erkennen, so wild bewegten sich Dr. Lists Finger der rechten Hand, aber sie nahm das Vorhandensein des Wappens als Zeichen dafür, dass Dr. List ein traditionsbewusster Mann war, der großen Wert auf Familie legte. Das kupferne, billige Ding aber rührte sie seltsam an. Der Ring war kaum geschliffen, an manchen Stellen hatte er kleine Kratzspuren an den benachbarten Fingern verursacht. Stand dieser Kupferring etwa in Verbindung mit der Selbstmord-Mandel an seinem Gelenk? War er etwa das Ergebnis einer überstürzten Liebesheirat irgendwo auf einer wilden Insel, wo es keine Juweliere gab? Und war das Provisorium deshalb niemals in einen gediegenen Goldring umgetauscht worden, weil seine geliebte Gattin kurz nach der Eheschließung in seinen Armen verstarb? Und hatte er, der damals blutjunge Dr. List nie wieder geheiratet, weil er über dieses Unglück nicht hinweggekommen war? Eine Welle der Zuneigung stieg in Valentina auf. Dieser tapfere Mann! Wie zuversichtlich er sein Leben in die Hand nahm, obwohl ihm das Schicksal so eine dramatische Kerbe in sein Herz geschlagen hatte. Am liebsten hätte sie ihn auf der Stelle zärtlich umarmt und schützend ihre Hand auf seinen Scheitel gelegt. Ein paar weiße Fäden blitzten durch sein kastanienbraunes, dichtes Haar. Wann hatte sie zuletzt derartige Gefühle gehabt? Vor dreißig Jahren, als sie glaubte, einen jungen Medizinstudenten zu lieben. Er hatte sie verlassen, zwei Tage vor der Hochzeit, das feine Kleid lag noch immer – sorgsam gefaltet - in einer Schachtel oben auf dem Schrank. Bereits während ihrer Studienzeit hatte sie den Alte-Jungfern-Stempel aufgedrückt bekommen und ihn seither nie wieder verloren. Dreißig Jahre ist es her, als wären es drei Stunden, dachte Valentina bei sich. Als Dr. List sich räusperte, bemerkte sie, dass er sein Spiel bereits beendet hatte. Sie lobte seine Wendigkeit und Flüssigkeit beim Spiel, schlug vor, er möge es nun mit einem Stück von Chopin versuchen und deutete auf ein zweites Notenheft, das er wortlos gegen das andere austauschte und gleich die erste Seite vom Blatt spielte. Kurz streifte ihr Blick sein Profil, das ihr nun vertraut und liebenswürdig schien, um wieder bei den Händen zu landen. Der Kupferring liess sie farbenprächtige Bilder assoziieren. Saftiggrüne, riesige Palmblätter sah sie im Wind wehen, sie sah Dr. List als jungen, braungebrannten Mann Kokosnüsse aufknacken, sie sah ihn grobe Hölzer zu einem Floss zusammenbinden, sie sah die Sonne als glühenden Feuerball über dem Meer untergehen. Das Geräusch des Metronoms verwandelte sich in das gleichmäßige Anschlagen der Bootsplanken an den Steg. Ihre warmen, kitschigen Vorstellungen wurden von einem harten Klopfen unterbrochen ...

(Weiterlesen in dem Buch "Handbuch der Gesten" von Dodo Kresse & Georg Feldmann, Verlag Deuticke.)

 


Rosa und der Fisch

Die ungewöhnlich aufrechte Haltung, das klare Profil, die semmelblonden, kurzgeschorenen Haare, er musste es sein. Wie lange hatte ich Bob nicht gesehen, zwanzig Jahre? Ich ging auf ihn zu. Er saß an der Bar des Wiener Inter-Continental-Hotels, in das ich vor knapp einer Stunde eingecheckt hatte.

Bob erkannte mich erst aufs zweite Hinsehen. Sicherlich, ich hatte mich verändert, ein paar Kilo mehr, ein paar Haare weniger, aber sonst fühlte ich mich wie damals, als wir zusammen studiert hatten. Ich erinnerte mich an das kolossale Besäufnis, nachdem wir erfahren hatten, die Aufnahmsprüfung an der Hochschule für Angewandte Kunst bestanden zu haben. Wir sahen uns bereits als berühmte Designer und die Rosinen in unseren Köpfen waren größer als  Wagenräder. Ich war nach vier Semestern abgesprungen, hatte mich auf Werbegraphik verlegt und besaß mittlerweile die Hälfte einer kleinen Agentur in Rom. Bob war sehr talentiert gewesen, aber in den alltäglichen Bereichen immer ein bißchen hintennach. Er trug türkis-karierte Hemden zu orangefarbenen Jeans, duschte selten und kämmte sich nie. Schüchtern, aber starrköpfig verfolgte er seine Ziele, die für die meisten Studenten und Professoren nicht klar zu verstehen waren. Er liebte die  verspielte Ästhetik der 50er-Jahre und verachtete neumodische Strömungen. Stundenlang saß er an Bausätzen für Flugzeugmodelle aus dem ersten Weltkrieg, während wir anderen futuristische Brillenfassungen oder weitläufige, unbezahlbare Glas-Chrom-Terrassen entwarfen. Er hasste Massenveranstaltungen und Sport, behielt aber seine schlanke, anmutige Gestalt. Und mit Mädchen wußte er, soweit ich mich erinnern kann, überhaupt nichts anzufangen. Er tappte auch nicht ans andere Ufer. Manchmal dachte ich, er wäre vollkommen asexuell und zufrieden damit. Ob er noch immer bei seiner Mutter wohnte? Ich hielt es durchaus für möglich, es wäre typisch für Bob gewesen.

Nun winkte er mir zu, er sah erstaunlich jung aus. Und besser als früher, muskulöser und mit einem wachen Zug um den Augen.

Starke Emotionen zu zeigen war nie unsere Art gewesen und so schüttelten wir einander auch jetzt nur fest die Hände.

“Was machst du hier”, zwinkerte ich ihm zu, “einsamer Wolf spielen in einer schummrigen Hotelbar?”

“Ich bin hier geboren.” Bob grinste.

“In der Bar?”

“In der Stadt. Aber was treibt dich nach Wien? Wir haben uns ewig nicht gesehen. Du siehst prächtig aus - stattlich wie immer.”

Wir scherzten ein bißchen rum bis Bob mich zum Abendessen einlud. Ich hielt mich zurück, ihn zu fragen, ob Mama kochen würde. Außerdem schien er mir nicht mehr der schrullige Student von damals zu sein. Die feinen Leinenhosen fielen tadellos, desgleichen der ultramarinblaue Blazer. Seine Kleidung roch nach Geld.

“Ich bereite dir einen Risotto, den du dein Leben lang nicht mehr vergessen wirst, okay?” lockte Bob.

“Ich will dich aber wirklich nicht stören oder deine Familie.”

“Ich bin allein.”

Nachdem wir mit ein paar Martinis auf unser Wiedersehen angestoßen hatten, verließen wir die Bar und fuhren mit dem Taxi Richtung Alsergrund. Dort bewohnte Bob eine großzügig angelegte Altbauwohnung. Er knipste die Lichter an und meinte, ich könne mich ja mal umsehen, er müsse sich jetzt dem Risotto widmen. Auf meinen Einwand, elf Uhr abends wäre ein wenig spät für derartige Kochereien meinte er: “Papperlapp! Um Mitternacht steht der Topf auf dem Tisch. Die beste Art, einen Tag zu beenden.”

Ich fügte mich und schlenderte in der Wohnung auf und ab. Die Wände waren in einem beinahe bläulichen Weiss gestrichen, das Parkett glänzte wie ein Eislaufplatz. Auch im Badezimmer penible Sauberkeit, kein Wasserfleck auf den Armaturen. Im Zahnputzbecher lehnte eine Zahnbürste, daneben eine Rolle Zahnseide, Rasierzeug, ein Fläschchen teures Eau de Cologne. Keinerlei Spuren weiblicher Anwesenheiten. Auf einer schmalen Konsole lagen ein paar Hefte zum Thema Literatur, daneben ein eindrucksvoll großer, quaderförmiger Quarzblock. Illustrer Briefbeschwerer, fand ich, drehte ihn in den Händen hin und her und hielt ihn gegen das Licht. Ein Fisch war darin eingeschlossen. Soweit ich abschätzen konnte, war dies der einzige, leicht kitschig angehauchte Nippes-Gegenstand in Bobs Wohnung.

“Da mußt du rühren bis die Schwarten krachen, da hilft gar nichts” rief er gerade aus der Küche, “ah, da bist du ja. Gefällt dir die Wohnung?”. Ohne meine Antwort abzuwarten, schwatze er weiter: “Carnaroli mußt du nehmen. Kein anderer Reis bekommt diese geschmeidige Konsistenz.” Er goß einen Schöpfer Rindsuppe in den Reistopf und verrührte ihn zügig mit einem großen Kochlöffel.

Ich nahm in einem der weißen Stahlschwinger, die um den gläsernen Eßtisch gruppiert waren, Platz und ließ mir den Magen von einem Schluck Fernet wärmen.

“Mein lieber Freund”, sagte ich behutsam, “ich hoffe, du weisst, was du tust. Mit dem Risotto, meine ich. Du musst wissen, ich wohne seit über zehn Jahren in Rom.”

“Rom!” rief Bob und breitete die Hände aus, “was für eine vernünftige Entscheidung. Hast du dort diese Agentur, von der du mir im Hotel erzählt hast?”

“Ja, und was ist mit dir? Was machst du?”

“Tja,” sagte er und wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab, “mit aufregenden Designer-Geschichten war hier in Wien nicht viel zu machen. Außer du heulst mit den Wöfen und bewegst dich in den Cliquen, die hier das Sagen haben. Mir war das zu blöd und ich hab nach der Promotion ein paar Kinderbücher illustriert und ähnliche Dinge. Sprang nicht viel dabei raus. Derzeit arbeite ich für einen französischen Verlag an pornographischen Comics für Erwachsene. Ich hoffe, das haut dich nicht vom Hocker.”

“Witzig. Stehen dir da feine Miezen Modell?”

“Wenn mir die Inspiration ausgeht, was selten vorkommt, dreh ich einfach den Fernseher auf – Baywatch. Das reicht mir. Ich zeige dir nach dem Essen mein Atelier, es liegt im oberen Stock.”

“Du scheinst nicht schlecht dabei zu verdienen.”

“Naja, ich hab geerbt. Eigentlich müßte ich gar nicht arbeiten, um über die Runden zu kommen, aber es macht mehr Spaß so.”

“Bedauernswertes Schicksal.” Ich entkorkte die Flasche Rotwein, die auf dem Tisch stand um dem Wein ein bißchen Luft zu gönnen. Da Bob bereits gedeckt hatte, blieb mir nichts mehr zu tun und ich spielte weiter mit dem Briefbeschwerer. Eine Angewohnheit, die meine Frau zum Wahnsinn treibt. Sie beklagt sich, dass meine Hände immer mit etwas spielen müssen, seien es Streichhölzer, Servietten oder Bierdeckel.

“So” grunzte Bob befriedigt, richtete den Risotto auf den Tellern an und hobelte Parmesan drüber. Als er den Topf zurück auf den Herd stellte und sich zu mir umwandte, fiel sein Blick auf den Briefbeschwerer und er stockte kurz.

“Da”, lachte ich und warf ihm das Ding zu. Es segelte in einer langen, gebogenen Bahn in seine Richtung. Bob riss entsetzt die Augen auf, verzog den Mund zu einem stummen Schrei und stand wie angewurzelt. Die sorgsam manikürten Fingernägel gruben sich in seine Handballen und ich begriff plötzlich, dass er den schimmernden Ziegel nicht mehr auffangen würde können.

“Bob” rief ich. Zu spät. Der Briefbeschwerer landete mit einem lauten Knall auf dem Marmorfussboden und zersprang in tausend kleine Stücke. Die Harzteilchen bedeckten den Boden gleich Hagelkörnchen. Zum Teil steckten sie  im Bauch des Fisches als wären es kleine, durchsichtige Schuppen.

Bob rührte sich nicht. Er war kreidebleich. Fassungslos stierte er auf den zerbrochenen Gegenstand. Seine Finger zitterten leicht. Dann schlug er die Hände vors Gesicht, als könne er durch diese Geste die Wirklichkeit ausblenden. Eine Geste, die mir eigentlich nur aus melodramatischen, amerikanischen Filmen geläufig war.

Mir war seltsam unbehaglich. Eine unheimliche Atmosphäre breitete sich aus, die ich mir nicht erklären konnte. Ich sprang auf, fragte nach Besen und Schaufel und versprach den Briefbeschwerer nicht nur zu ersetzen, sondern ihm aus Rom einen neuen zu schicken, der alle anderen, die er jemals gesehen hatte, in den Schatten stellen würde. Aber Bob war nicht böse oder zornig. Er schien, als hätte er eben die Nachricht seines eigenen Todes erhalten. Haltsuchend griff seine Hand nach dem Herd. Ich packte ihn bei der Schulter, er glitt mir fast auf den harten Boden, hätte ich ihn nicht mit der anderen Hand um die Taille gefaßt.

“Jetzt mach’ keinen Unsinn, Bob”, stützend begleitete ich ihn in den Salon, wo er sich immer noch zitternd auf ein schwarzes Kanapee legte. Er lockerte seine Krawatte und rang nach Luft.

“Ich ruf’ einen Arzt” sagte ich.

“Nein” stöhnte Bob, “kein Arzt.”

Das Zittern hatte aufgehört. Er lag schwer atmend da, Schweissperlen standen an seinen Schläfen.

“Da kann kein Arzt helfen”, ächzte er, “ausser einem - ha - Irrenarzt.” Er begann zu grinsen, zu kichern und glucksen, was in einen hysterischen Lachanfall mündete. Als er sich einigermaßen gefangen hatte, rannen Tränen über seine Wangen. Er sah mich mit solch tiefer Verzweiflung an, dass ich ihn umarmte und an mich drückte.

“Bob, altes Haus, was ist denn geschehen? Bist du krank?” Sein Schluchzen verebbte langsam, ein Schaudern lief alle viertelstunden durch seinen Körper. Lange, sehr lange sass ich so, den Freund in den Armen wiegend und seine Hand haltend. Ich versuchte, Nadeleinstiche an seinen Ellbeugen zu finden, vielleicht war er irgendwelchen Drogen anheimgefallen. Doch unversehrt war seine Haut.

Es musste so gegen fünf Uhr früh gewesen sein, als Bob nach einem kurzen, unruhigen Schlummer erwachte und nach einem Glas Wasser verlangte. Ich stellte zwei Cognac-Schwenker und eine Flasche Henessy zusätzlich auf das Tablett und balancierte es durch die Türen bis zu einem Beistell-Tischchen neben dem Kanapee. Das Licht brannte noch und kämpfte nun gegen die heranziehende Morgendämmerung an. Bob hatte sich halb aufgesetzt und lehnte mit dem Rücken an der Wand. Er öffnete eine Holzschachtel und fingerte eine Zigarette hervor. Die Solarium-Bräune konnte seine jetzige Blässe und die tiefen Augenringe nicht mehr verbergen. Er sah seltsam apathisch drein und sagte: “Soll ich dir etwas erzählen, eine Geschichte, die vor bald zwanzig Jahren passiert ist und die ich, trotzdem ich mir alle Mühe gab sie zu vergessen, scheinbar nie überwunden habe?”

„Vielleicht solltest du besser noch etwas schlafen.” wandte ich ein.

„Ich würde sie gerne erzählen, gerade dir. Du fährst in zwei Tagen wieder nach Rom und ich weiß, wie verschwiegen du bist. Außerdem hast du sie gekannt.”

„Wen?”

Bob zögerte kurz um dann heiser hervorzustossen: „Rosa.”

Versonnen wärmte ich meinen Cognac in dem bauchigen Glas. Die Flüssigkeit glänzte golden. Natürlich erinnerte ich mich an Rosa. Ein Name, der zu ihr passte. Sie war in unserer Designklasse und übte sich darin so auszusehen, als würde sie ernsthaft studieren, was ihr niemals gelang. Hätte sie nicht dieses seltene Charisma gehabt, wäre sie als normale Studentenschlampe von Hand zu Hand gegangen. So aber schwebte sie über den Dingen. Niemals würde ich meine erste Begegnung mit ihr vergessen. Wir hatten ein Seminar über Kaminbau. Rosa wirbelte - zehn Minuten zu spät - bei der Hörsaaltür herein. Der Saum ihres dunkelroten Seidenrocks umspielte ihre langen, schlanken Beine. Die gelockte, blauschwarze Mähne umrahmte das elfenhafte, extrem weisse Gesicht. Hohe Backenknochen, dicke, schwarze Augenbrauen und schräg stehende violette Katzenaugen - sogar der Professor hielt kurz den Atem an. Sie warf ihren Skizzenblock auf den Tisch, setzte sich neben mich und genoss den Augenblick der Stille, den ihr Auftritt provoziert hatte. Zugegeben, ich hatte mich wie alle anderen Hals über Kopf ins sie verschossen, aber sie litt an einer Art Gebrechen, das mir ein Rendezvous von über fünf Minuten mit ihr unerträglich machte. Die meisten anderen gingen darüber hinweg und brieten was das Zeug hielt. Und hatten Erfolg. Doch bereits nach kurzer Zeit gab ihr jeder den Laufpass - es war einfach zu enervierend. Dieses ätherische Wesen mit jenem Sex-Appeal, den man sonst nur aus Filmen kannte, war mit Stimmbändern gestraft, die aus einer anderen Galaxis zu stammen schienen. Jede Äußerung, jeder auch noch so kurze Satz kam in einer kreischend hohen Stimmlage, dass es einem buchstäblich in den Ohren schmerzte. Es war nicht etwa ein hysterisch gepreßtes Teenager-Stimmchen oder der kapriziöse Singsang einer Diva, es war ein ständig gleichbleibender, quälender Ton. Sie schien das zu wissen und sprach daher nur so viel wie unbedingt nötig. Was wohl aus ihr geworden war? Wahrscheinlich eine rundliche Hausfrau mit einem Stall voller Kinder. Bleibt zu hoffen, dass sich dieses Organ nicht weitervererbte hatte.

Bob nahm einen kräftigen Schluck Cognac, seine Wangen nahmen wieder eine gesündere Färbung an. Er lehnte sich zurück und blickte aus dem Fenster. “Ich hatte damals keine Erfahrung mit Mädchen”, begann er, “und es sah mich auch keine richtig an. Ich war wie Luft für sie. Aber Rosa, für Rosa war ich vorhanden. Sie hat mich angelächelt, als wäre ich...na, eben ein richtiger Kerl, du verstehst? Sie hatte eine Menge Verabredungen damals und ich glaubte fest, keine Chance gegen unsere feschen Draufgänger zu haben. Eines Tages kam sie auf mich zu und fragte mich geradeheraus, ob ich ihr an diesem Abend etwas kochen wolle. Unglaublich. Natürlich sagte ich sofort zu, beschwor meine Mutter, bei ihrer Schwester zu nächtigen und liess mir detailliert erklären, wie man Fische brät. Meine Mutter hatte zwei schöne Goldbrassen vom Markt gebracht und drückte sie mir mit einem Augenzwinkern in die Hand. ‘Das wird dem Mädel schmecken und du wirst das prima hinkriegen, wenn du alles nach Plan machst, hm?’, hatte sie verschwörerisch gesagt und mir das Koch-Procedere Punkt für Punkt auf einen Zettel geschrieben. Sie freute sich wohl, dass ich endlich Gefallen am anderen Geschlecht gefunden hätte. Wahrscheinlich fürchtete sie schon, ich wäre schwul, weil ich nie ein Mädchen mitheimbrachte.”

Bob war in den typischen Erzählton eines Mannes, der auf der Psychocouch lag, verfallen. Er wollte keine Fragen, keine Antworten. Eigentlich sprach er mehr zu sich selbst als zu mir. Erneut zündete er eine Zigarette an, sog den Rauch tief in die Lungen und sprach weiter: „Ich war ziemlich nervös an dem Abend. Die Fische lagen fertig mariniert im Kühlschrank. Mutter hatte mir das Gemüse bereits gekocht - es musste nur noch für zwei Minuten in die Mikrowelle. Sogar den Tisch hatte sie mit dem teuren Familiensilber gedeckt und eine Kerze in die Mitte gestellt. Am liebsten hätte ich mir noch rasch beide Ohren amputieren lassen. So nahm ich mit einer passablen Erfindung vorlieb: Ohropax. Ich hatte sie im Vorzimmer auf das Fensterbrett gelegt, schliesslich wollte ich das Leuten nicht überhören. Als es dann schliesslich klingelte, stopfte ich mir die Dinger in die Ohren und öffnete die Tür. Da stand sie, barfuss. Es war Juni und wir hatten eine richtige Hitzewelle, 40 Grad im Schatten und sogar am Abend war es noch drückend schwül und heiss. Sie trug eine dunkelgrüne Bluse ohne BH und einen schwarzen, raffiniert gewickelten Rock. Ihre Finger- und Zehennägel waren ebenfalls schwarz lackiert. Sie umarmte mich kurz, ich glaubte sofort ohnmächtig zu werden. Der Geruch ihrer Haut, vermischt mit einem schweren, süßen Parfüm, brachte mich fast um den Verstand. Erst als ich, durch die Propfen in meinen Ohren zwar sehr gedämpft, ihre Stimme vernahm, kam ich wieder halbwegs zur Besinnung. Sie fragte, ob sie kurz duschen dürfte, sie würde vor Hitze umkommen.” Bob machte eine kurze Pause und lüchelte: “Wie passend, dieser Satz.” Verwirrt, in der Gegenwart zu sein, starrte er mich kurz an, goss sich und mir einen Schluck Cognac nach und fuhr fort: “Nun, sie trippelte also ins Bad, lehnte die Tür bis auf einen Spalt an und drehte die Dusche auf. Ich schob das Gemüse in die Mikrowelle, hackte Petersilie, presste zwei Knoblauchzehen aus, zog die Fische aus der Marinade und legte sie auf ein Holzbrettchen neben die Pfanne. Ich erschrak, als sie mir von hinten auf die Schulter tippte. Natürlich hatte ich sie nicht kommen gehört. Und auch die Bitte nach einem Fön erriet ich mehr, als dass ich sie verstand. Die nassen, glänzenden Locken hingen ihr über die blasse Haut und über das knappe Handtuch, das sie um ihren Busen geschlungen hatte. Ich kramte den Fön aus der Lade und sie verschwand dankbar damit im Bad. In der Überzeugung, dass das Fönen ihrer Schneewitchen-Mähne eine Zeit dauern würde, ging ich ins Speisezimmer und steckte mir eine Virginia an. Erinnerst du dich, wir rauchten damals alle Virginias und fanden das unheimlich verwegen. Mir haben die Dinger nie besonders geschmeckt, aber ich mochte die Textur der rauhen Tabakblätter, die schlanke Form. Ich sitze also so da und versuche mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass Rosa nackt in meinem Badezimmer steht und ihre Haare fönt. Mir ist heiss und gleichzeitig kalt, mein Magen benimmt sich eigenartig, also, sie war mein erstes Mädchen, weisst du. Ich war einfach hin und weg.”

Ich stand auf und knipste das Licht aus. Die Morgensonne schien freundlich aufs Parkett und ein paar Vögel sangen in den Ästen der Kastanie gegenüber. Bobs beängstigende Blässe hatte sich verzogen. Er sah sehr erschöpft aus, wirkte aber ruhig und entspannt. Ich liess ihn kurz allein und kehrte mit zwei dampfenden Schalen Mocca wieder zurück. Ohne zu sprechen setzte ich mich wieder zu ihm und liess ein Stück Zucker in die dunkle Flüssigkeit gleiten.

Gedankenverloren rührte Bob in seinem Kaffee. “Sehr verliebt, ja”, sagte er, “ich weiss nicht wieviel Zeit vergangen war, jedenfalls hörte ich ein leises Zischen und ich dachte, mein Gott, was will sie denn jetzt schon wieder? Wie kann so ein berauschendes Wesen derart schreckliche Töne von sich geben? Ich versuchte wegzuhören, doch das Geräusch drang trotz der Ohropax durch meine Trommelfelle. Es war so ein gellendes, sehr hohes Schreien, weisst du?”

“Oh ja”, unterbrach ich ihn unbeabsichtigt, da mir dieses unmelodiöse Gekreisch bis heute in schlechtester Erinnerung war.

“Dann stieg mir ein brenzliger Geruch in die Nase. Herrgott, der Fisch! Jetzt verbrutzelt mir der Fisch und ich steh da. So eine Blamage. Und das bei der ersten Verabredung. Ich renne in die Küche, vielleicht erinnerst du dich an die kleine Küche, die direkt ans Badezimmer grenzte? Also, und da stehe ich vor dem Herd und sehe die Fische unversehrt auf dem Holzbrett liegen. Richtig, ich wollte ja warten, bis Rosa fertig ist. Aber der stechende Geruch....Rauch brannte mir in den Augen. Er drang durch die Ritzen der Badezimmertür. Ich ri� die Tür auf, der Rauch schlug mir heiss ins Gesicht. In panischer Eile holte ich den Feuerlöscher, den sich meine Mutter kürzlich förs Auto besorgt hatte, und versprühte Mengen von Schaum, bis ich etwas besser sehen konnte. Nachdem das Feuer gelöscht war und ich die Fenster aufgerissen hatte, sah ich sie am Boden liegen, ihre Haut war von roten Blasen aufgequollen, das Gesicht furchtbar zugerichtet, die Hälfte der Haare versengt. Sie atmete nicht mehr.”

Ich sah Bob voller Schrecken an. “Was erzählst du da für Gruselgeschichten? Und was für ein Feuer?”

„Irgendein Defekt am Fön – Kurzschluss – was weiss denn ich. Das Ding war ja ganz verschmolzen, als ich es entdeckte. Vielleicht hatte sie auch ihre Zigarette auf den Badezimmerteppich fallen lassen, diese Kunststoffe brennen ja wie trockenes Stroh. Wie auch immer, als es mir gelungen war, das Feuer zu löschen, bestand ja keine dringende Notwendigkeit, die Ursache des Brandes ausfindig zu machen. Unfälle passieren.“

„Wie entsetzlich“, ich sah ihn an und zweifelte noch immer an seiner Erzählung, „was hast du getan?“

„Ich wurde ganz still, entfernte die Watte-Bällchen aus meinen Ohren, wickelte Rosa in ein grosses, weisses Badetuch und trug sie vorsichtig zum gedeckten Tisch. Sie war sehr leicht. In Filmen sind Leichen immer schwer wie Zementsäcke, doch Rosa war leicht wie eine Feder. Ich setzte sie behutsam auf einen Sessel und band sie mit einem zweiten Badetuch an die Lehne, sie wäre mir sonst heruntergerutscht.”

War es die durchwachte Nacht, die Bob zu derartig unsinnigen Geschichten trieb?

“Nun, und dann briet ich die Goldbrasse. Eine natürlich nur, denn was will eine Tote schon essen? Trotzdem richtete ich ihren Fisch ebenfalls auf einem Teller mit Erbsen und Karottenreis an. So saßen wir nun bei Tisch, Rosa und ich. Sie gab keinen Ton von sich, was ich zu schätzen wusste und so konnte ich frisch von der Leber weg alle möglichen Anekdoten erzählen. Wir hatten einen wirklich feinen Abend.”

“Was”, ich wagte kaum zu fragen, “ist dann passiert?”

“Nichts, was sollte denn jetzt noch passieren?”

“Hast du nicht die Rettung angerufen, die Polizei, die Feuerwehr?”

“Das Feuer hatte ich doch selbst gelöscht. Und zu retten war da nichts mehr. Ich hab sie in eine Decke gepackt, bin mit ihr zur Donau gefahren und hab sie dort ins Wasser gelegt.”

“Gelegt?”

“Nun ja, ich musste sie etwas werfen, aber es ging nicht anders.”

Aber Tote werden doch gefunden, identifiziert und dann ...” ich brach ab. Das war doch sinnlos. So ein Hirngespinst. Und ich liess mich noch darauf ein. Das Schlafmanko hatte mich nervös gemacht.

“Es ist nicht immer wie im Fernsehen. Ich hab nie wieder etwas von ihr gehört. Und es ist auch niemand gekommen. Auch auf der Uni hab ich nichts gehört. Obwohl - man hat ja nie viel mit mir gesprochen. Du weisst ja, der einzige, zu dem ich Kontakt hatte, warst du. Und als du weggingst, da hat sich dann eigentlich gar niemand mehr um mich gekümmert. Als wäre ich Luft, jawohl, Luft.” Bob stand auf, richtete sich die Bügelfalten seiner Hose und ging in die Küche. Mein Kreuz schmerzte, ich folgte ihm und sah ihn die Harzstückchen aufkehren. Nun hob er den Fisch auf, pickte sorgsam die Splitter heraus und legte ihn auf einen Teller. “Das ist ihre Goldbrasse”, sagte er und streichelte zärtlich die Flossen des Fisches.

Mir wurde übel, ich schnappte mein Sakko und entschuldigte mich kurz. Ich käme gleich wieder. Als ich auf der Strasse war, holte ich tief Luft und ging zur nächsten Telefonzelle. Ich hatte den Hörer schon in der Hand, als mir auffiel, dass eine Notrufnummer hier gar nicht am Platz war. Im Hotel angekommen, suchte ich die Nummer eines Studienkollegen heraus, der ebenfalls in Wien promoviert hatte. Nach anfänglichem Geplauder führte ich ihn an das Thema Rosa heran. Er konnte sich gut an sie erinnern. Ob sie fertigstudiert hätte, fragte ich beiläufig. Nein, nein, sie wäre eines Tages einfach nicht mehr aufgetaucht. Wahrscheinlich nach Indien abgehaut oder so, er wüsste auch nichts näheres. “Hoffentlich haben die Inder bessere Nerven, bei dem Orgaaan, was?” hatte die Stimme am anderen Ende der Leitung noch gelacht.

Als ich durch die Hotellobby schritt, die Aktentasche in der linken, das Sakko in der rechten Hand, kam der Hotelmanager auf mich zu. “Alles in Ordnung?” schnarrte er. “Nebenbei bemerkt, wir haben zur Zeit was ganz Besonderes. Fischwochen. Goldbrassen, alles erste Klasse. Was ist los mit Ihnen, sie sind so blass?"

(Aus: Der Fisch)

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