Kriminalstorys

 

 

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Die Störung

Krimi-Parodie aus Wien

 

 

Sie haben es mir einfach so gegeben, das Penthouse-Büro. Panorama-Glasscheiben mit Blick auf die Dächer von Wien. Wer „sie“ sind? Ich weiß nicht. Vielleicht denke ich wieder darüber nach, wenn die übelsten Schusswunden so verheilt sind, dass ich bei dem Gedanken, meinen Bikini anzuziehen, keine Gänsehaut bekomme. Für diese Rekonvaleszenz-Zeit habe ich beschlossen, mein Büro zu genießen, endlich genügend Platz zu haben – 100 Quadratmeter sind kein Pappenstiel – , um die Strategie für die Geschäftsführung dieses Verlages aufzubauen und mich vornehmlich stilvoll  zu verhalten. Nicht unbedingt still, aber elegant.

 

Begonnen hat alles an einem Dienstag. Es hätte ein wunderbarer Tag werden können. Ich eröffnete ihn mit einem kurzen Mocca - im Stehen eingenommen – elegant mit einem Hauch lasterhafter Wollust. Der Kaffeeduft verscheuchte die Reste schlechter Träume, schoss ins Gehirn und riss alle anderen Sinne mit. Danach glaubte ich mich gewappnet für alle Merkwürdigkeiten, die nach dem Zuwerfen der Eingangstüre auf einen hernieder prasseln mögen. Die zarte Narbe an meiner rechten Schläfe flehte mich geradezu an, zu Hause zu bleiben. Stehen Ärgernisse bevor, pflegt sie heftig zu jucken. Wider besseres Wissen, dass aller Unbill damit anfängt, dass man frühmorgens – also vor 11 Uhr - das Haus verlässt, tat ich es.

 

 

Unter meinem Leinenkostüm trug ich himmelblaue Seidenunterwäsche für den Fall, dass ich Mel Gibson oder einem Kreislaufkollaps anheim fallen sollte. Zweiteres schien wahrscheinlicher, da eine Rekordhitzewelle über die Stadt rollte. 45 Grad im Schatten waren selbst im Juli ein schwacher Witz des Schicksals. Ich war damals Redakteurin für eine Umweltzeitung und hatte an diesem Tag einen verdammt frühen Interview-Termin. 8 Uhr 30. Nicht mein Geschmack. Es sollte sich erst in den folgenden Wochen herausstellen, dass es sich um ein wichtiges Date handelte und dass ich meinen Interview-Partner danach nie wieder sehen würde. Dr. Karl Kubinecz erwartete mich in einer Aida-Filliale in der Neubaugasse im siebenten Bezirk. Ich erkannte ihn von weitem – das Erkennungszeichen, die Umweltzeitung auf dem kleinen Tischchen wäre nicht notwendig gewesen. Kubinecz verhielt sich so auffällig unauffällig, dass sich sogar zwei kartenspielende Pensionistinnen nach ihm umdrehten und mit ihren Zuckergoscherln unzusammenhängendes Zeug zu flüstern.  Immer wieder strich sich Kubinecz die drei bis vier verbliebenen Haarsträhnen quer über die spiegelnde Halbglatze und lugte im Fünf-Sekunden-Takt ängstlich hinter sich. Als er mich entdeckte, erschrak er, da er mein Kommen inmitten seiner Paranoia nicht bemerkt hatte. Die Melange klirrte auf den Marmorboden, dicht gefolgt von einem halb verzehrten Punschkrapferl. Die Serviererin hinderte Kubinecz energisch daran, mit seinen täppischen Versuchen alles wieder in Ordnung zu bringen. Sie war fliegende Nahrung gewohnt. Kubinecz starrte auf ihren dunklen Haaransatz unter dem Blondy-Schopf, als sie den Boden kehrte.

 

 

„Nun?“, unterbrach ich sein Universum, „Sie haben mir da allerhand angedeutet, bei unserem gestrigen Telefonat. Es wäre nicht unangenehm, wenn Sie jetzt zur Sache kämen…“

 

 

„Ich habe Ihre Zeitung im Abonnement und lese Sie immer mit Genuss. Sie leisten hervorragende Arbeit. Ihr Engagement ist mir seit längerem aufgefallen“, schleimte sich Kubinecz vorwärts. Ich gähnte und bestellte das Übliche.

 

 

Mein bibberndes Vis-a-vis nickte der in pinkfarbenes Nylon gewickelten Blondine zu und orderte seine zweite Melange. Als sie eine Minute später das Tablett auf den Tisch stellte, eine entzückende Mahagoni-Imitation aus Plastik, starrte Kubinecz auf das Glas Wassser und sagte leise: „Wer weiß, vielleicht ist es ja hier auch schon drinnen. Wir müssen wachsam sein.“

 

 

Au Backe, dachte ich und sehnte mich nach meiner Badewanne, dem Fernseher und einer Packung Manner-Schnitten.

 

 

„Sie haben ja bereits ein paar Artikel über belebtes Wasser und die verschiedenen Technologien, die derzeit erforscht und angewendet werden, verfasst. Sehr ordentlich recherchiert, muss ich sagen.“

 

 

„Ist ja gut…“ Mir fiel auf, dass diesem Lokal eine Totalrenovierung recht gut anstehen würde.

 

 

„Es geht um die Lebensmittelkette Jupiter“, wurde Kubinecz endlich konkreter, „man hat dort alle Bäckereien dazu gezwungen, ausschließlich mit belebtem Binto-Wasser zu backen, ansonsten würden ihre Produkte einfach nicht mehr gelistet werden.“

 

 

„Aha, Binto-Wasser.“ Ich hatte einiges über das legendäre Binto-Wasser gehört und gelesen. Es stand im Ruf, tatsächlich energetisch positive Auswirkung auf Pflanzen, Menschen und Tiere zu haben. Die Methode des Herrn Binto habe ich zwar nicht verstanden, aber das hinderte mich nicht daran, durch selbst durchgeführte Experimente an die Wirksamkeit zu glauben. Schließlich verwendeten die Ärzte Aspirin auch lange bevor sie dessen genaue Wirkungsweise erforschen konnten.

 

 

„Binto-Wasser nimmt, wie jedes Wasser, Informationen auf“, flüsterte Kubinecz.

 

 

„Darum bemühe ich mich ebenfalls seit 20 Minuten“, antwortete ich höflich aber bestimmt.

 

 

„Die Jupiter-Kette hat ihren Eigentümer gewechselt. Ein gefährlicher Mensch namens Stidronsky.“

 

 

„Manager des Jahres, ich weiß“, grinste ich, „Garant für den Pleitier des Folgejahres.“

 

 

„Von Pleiten keine Spur. Der Mann hat große Organisationen hinter sich und was noch schlimmer ist, finstere Mächte.“ Kubinezc dehnte das Wort ‚finstere’ auf eine dramatische Länge, wie es sonst nur alternde Schauspieler zu tun pflegen. „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das überhaupt alles anvertrauen soll“, überlegte er laut, „mit den Menschen ist nicht zu spaßen. Die machen vor nichts halt.“

 

 

Ich leerte mein Glas und hoffte auf einen spannenden Film im Hauptabendprogramm.

 

 

„Ich kann nichts Böses daran finden“, wendete ich ein, „wenn ein Lebensmittelhändler mit belebtem Wasser handelt. Ist doch okay.“

 

 

„Ist es eben nicht. Glauben Sie, die Jupiter-Kette ist ein karitativer Verein? Es hat einen einfachen Grund, warum nur diejenigen Bäcker ihr Brot über Jupiter vertreiben dürfen, die Binto verwenden.“

 

 

„Und welchen?“ mein Interesse war so groß wie die Punschkrapfenbrösel neben Kubinecz Tablett.

 

 

„Binto ist von Jupiter aufgekauft worden und wird nun mit mächtigen Informationen gespeist“, flüsterte Kubinecz und hatte in seiner Aufregung die Richtung seiner drei bis vier Haarsträhnen verwechselt und sie feinsäuberlich auf die falsche Seite gestrichen, so dass sie nun fast seinen Hemdkragen berührten. 

 

 

„Mächtige Informationen?“ setzte ich nach, „welcher Art?“

 

 

„Nun, süchtigmachende, fürs Erste. Die Menschen werden ihr Brot nur mehr bei Jupiter kaufen wollen. Den wahren Grund werden sie natürlich nicht wissen.“

 

 

Meine Skepsis wuchs. Weltverschwörungen sind so eine Sache. Kubinecz war zwar ein international anerkannter Wissenschaftler, aber auch solche können an Verfolgungswahn leiden.

 

 

„Und wie geht’s weiter?“ sagte ich.

 

 

„Dieser Stidronsky hat es mit schwarzer Magie. Er wird sie anwenden. Und der Weg über  Wasser und Brot ist die einfachste, unauffälligste und sicherste Methode.“

 

 

„Ha“, lachte ich, „da bekommen sogar die Knastbrüder die neuesten Nachrichten vom Jupiter.“

 

 

Kubinecz warnte: „Es ist ernst.“

 

 

„…aber nicht hoffnungslos“, versuchte ich seine Laune zu heben und biss mir auf die Lippen über das Kläglichste aller Bonmonts, das ich in den letzten zwanzig Jahren von mir gegeben hatte. Das kommt davon, wenn man vor 11 das Haus verlässt, dachte ich und nahm mir vor, nicht mehr so kompromissbereit zu sein, was mein persönliches Zeitmanagement anbelangt. Ich versuchte also, meinen Lapsus durch freundliches Interesse wieder wett zu machen. „Wie stellen Sie sich das vor, die Sache mit der schwarzen Magie? Welche Informationen könnte Stidronsky in das Wasser einschleusen wollen? Und wie?“ Ich drosselte ebenfalls meine Lautstärke.

 

 

Kubinecz bestellte noch einen Kaffee. Ich machte mir allmählich Sorgen bezüglich seines Blutdrucks. Sein Gesicht ähnelte dem Antlitz einer verstörten Riesenpute.

 

 

Er griff zu seinem Aktenkoffer und beförderte eine graue Mappe zutage. Als er sie aufschlug und gleichzeitig einen Schluck Kaffee nahm, begann er plötzlich zu sabbern. Er krächzte noch kurz und fiel mit einem hölzernen Geräusch vornüber auf die Tischplatte. Jetzt waren seine drei bis vier Haarsträhnen endgültig zu einem Tentakel-Kunstwerk verwoben und lagen direkt vor mir neben der ohnehin schmutzigen Speisekarte.

Erstaunlicherweise waren im Handumdrehen zwei Polizisten zur Stelle. Ich mag Bullen. Das liegt zum einen daran, dass ich kein Auto besitze und zum anderen daran, dass ich Uniformen mag, für eine Pazifistin eine durchaus seltsame Passion. Kubinecz wurde weggebracht, ich durfte am Kommissariat meine Aussage unterzeichnen und in all dem Getümmel verschwanden meine Langeweile und die graue Mappe mit Kubinecz Unterlagen. Beides war für den Rest der Zeit nicht mehr aufzufinden. Ich hing noch ein paar Stunden im Kommissariat rum und bedauerte, dass die Uniformen erstens so weit geschnitten und zweitens tannenbaumgrün waren. Gar nicht sexy.

 

 

Am nächsten Morgen, also um elf Uhr, betrat ich das Redaktionsbüro und erwischte meinen Boss, wie er mit seinem Sekretär, einem ausrangierten, rothaarigen Aktmodell, Champagner trank. Ich zog die linke Braue hoch, mein Boss schickte den Sekretär hinaus und kramte in irgendwelchen Zettelstößen, als wäre dort etwas besonders Interessantes zu finden. Ich fühlte mich wie ein Kontrolleur, der einen Schwarzfahrer in der U-Bahn im Visier hatte. Auf der anderen Seite tat er mir leid. Mit wem sollte mein Boss schließlich sonst Champagner trinken -  Freunde hatte er keine und Frauen waren ihm suspekt.

 

 

„Gibt es was zu Feiern?“ fragte ich.

 

 

Er kramte nur.

 

 

„Egal. Ich hatte gestern ein Gespräch“, leitete ich ein.

 

 

„Das hatten Sie wohl gestern mit Millionen von Menschen etwas gemeinsam. Ist das nicht tröstlich?“, mein Boss verfügte über die Art von Humor, die ich mochte.

 

 

„Indeed, das ist es“, erwiderte ich, „ich traf Dr. Kubinecz.“

 

 

Manchmal sind sogar Chefs überrascht. „Den Aida-Kubinecz?“ Er hielt die Tageszeitung mit dem Aufmacherfoto von einem akkurat frisierten Kubinecz in die Luft.

 

 

„Ja, ich bat die Bullen, meinen Namen aus den Medien raus zu halten.“

 

 

„Wie ist Ihnen denn das gelungen?“ kicherte mein Boss.

 

 

„Chanel Nr. 19 und ein hinreißender Augenaufschlag, was sonst?“

 

 

„Ach, Sie und Ihre Westentaschen-Vamp-Touren! Hat er was Interessantes gesagt, der Kubinecz?“

 

 

„Wie man’s nimmt. Wenn er nicht vergiftet worden und die Mappe mit den Infos, der er mir gestern übergeben wollte, nicht verschwunden wäre, dann hätte ich die Geschichte unter Paranoia abgespeichert. Aber so sieht die Binto-Kiste natürlich anders aus.“

 

 

„Was Sie in Ihrer Mittagspause essen, ist Ihr Kaffee“, maulte mein Boss.

 

 

„Hä?“

 

 

„Na, diese japanischen Kinkerlitzchen. Binto-Box oder was“, schnaubte er verächtlich.

 

 

„Bento.“

 

 

„Okay, Bento“, er hieb mit der Faust auf den Tisch, „was ist jetzt damit?“

 

 

Wenn mein Boss seine Midlife-Crisis inklusive der daraus resultierenden cholerischen Anfälle nicht in den nächsten fünf Sekunden hinter sich gebracht hatte, wollte ich die Nachforschungen auf eigene Faust anstellen.

 

 

Nach vier Sekunden war er streichelweich. Als würde er’s wittern.

 

 

„Eigentlich ist das keine Story für uns“, sagte er und tippte nachdenklich mit dem Finger gegen seine Nasenspitze, „Ist was Wahres dran? Was glauben Sie? Haben wir irgendwelche Fakten? Oder nur Vermutungen?“

 

 

Am Gang hämmerte jemand mit dem Fuß gegen den Kopierer.

 

 

„Hm“, meinte ich, „bislang eher Vermutungen. Außer, dass Kubinecz nicht mehr unter uns weilt – immerhin schien es jemand wichtig genug, ihn daran zu hindern, seine Informationen an mich weiterzugeben.“

 

 

„Wo ist die verdammte Mappe?“

 

 

„Tja.“

 

 

„Ich nehme die Sache selbst in die Hand. Sie können in der Zwischenzeit weiter an der Geschichte über das modernste Holzpelletswerk Europas in der Steiermark arbeiten.“

 

 

„Ist mir sowieso lieber. Immer noch assoziieren mehr Leute Holzpellets mit holländischen Ballettschuhen anstatt mit erneuerbaren Energien. Da herrscht massiver Aufklärungsbedarf. Und diese Aufdecker-Journalisten-Masche a la Louis Lane ist sowieso schwachsinnig...“

 

 

„Ist ja gut. Also, husch, husch, ins Körbchen – ran an die Tasten!“

 

 

Seltsamer Tag. Ich verließ das Chef-Büro und suchte mein Kämmerchen auf. Mit Körbchen hatte mein Boss gar nicht so unrecht. Aber immerhin, in dieser Schuhschachtel von Büro hatten die Maurer ein Loch fürs Fenster gelassen. Mit Panorama-Blick auf die gegenüberliegende Feuermauer in dezentem Hechtgrau. Immerhin eineinhalb Meter Aussicht – man kann die Dinge auch positiv sehen. Andere Zimmer haben gar keine Fenster. Zumindest hab ich davon gehört.

 

 

Der zweite Mocca – nach dem Essen eingenommen – war von ruhigerer Gangart. Er ließ sich Zeit: wohliges Behagen. Zigarettenrauch und bittersüßer Kaffeebalsam verbanden sich zu schnurrender Allianz. Dann kamen noch die nachmittäglichen Schälchen und die mitternächtliche Portion, die der natürlichen Neigung zum Schlaf ein paar Viertelstunden abrang. So saß ch um ein Uhr nachts in meiner Schuhschachtel, als das Telefon klingelte und mich aus meiner Story über das steirische Holzpelletswerk riss. Am anderen Ende der Leitung krächzte ein neuerlicher Informant bezüglich Binto und Jupiter in den Hörer. Trotz meines Einwands, die Recherchen lägen nicht mehr in meiner Hand und ich hätte mit der ganzen Geschichte nichts am Hut, hatte ich eine Verabredung im Espresso Tony, morgen um 17 Uhr, als ich das Schnurlostelefon wieder in die Ladestation einrasten ließ. Klack – da-klack. Ich ging heim und legte mich in die Badewanne.

 

 

Der nächste Tag verlief ruhig – ich konnte mich endlich auf das Wesentliche konzentrieren: steirische Pellets, erneuerbare Energien. Gegen vier Uhr nachmittags packte ich meinen feschen, violettschimmernden Sony-Vaio-Laptop und fuhr in den 2. Bezirk, wo im schützenden Schatten der Karmeliterkirche das Espresso Tony lag. Die Hitze verlangsamte das Tempo aller. Als ich den Wagen auf der Taborstrasse abstellte und auf das Espresso zuging, sah ich zwei, drei Passanten, verzweifelt von Schattenplatz zu Schattenplatz schleichend. Ich hatte ein komisches Gefühl, ließ mich aber nicht weiter davon beeindrucken. Es war heiß – ich hatte Durst.

 

 

Ich öffnete die Tür zum Espresso, einer Insel, die auf keinem Atlas zu finden ist, einem Platz zum Ausschnaufen. Hier ist man weder schick noch erfolgreich, weder intellektuell noch sonderlich interessiert an Problemen in der Welt „da draußen“. Ein Ventilator verteilt die schwüle Luft gleichmäßig im Raum. Ich mochte das Espresso Tony, weil hier die Zeit zäh wie Honig verrann und dies der perfekt Ausgleich für meinen unruhigen Job war. Die Zeiten ändern sich. In den 50er Jahren schleuderte das moderne Espresso Tony als speediger Konkurrent des Kaffeehauses mit zischender, chromblitzender Espressomaschine die Menschen in eine angeblich moderne Zeit. Die Hochblüte - mit Orgien von "Russischen Eiern", "Schinkenrolle mit Aspik" und Smart-Zigaretten gefeiert - hat das Espresso Tony längst hinter sich gelassen. Geblieben war die rührende Leidenschaft für das scheinbar unerreichbar Exotische - ausgedrückt etwa im Toast „Hawai“, in kleinen Aquarien mit Schlingpflanzen und zwei Goldfischen oder in großformatigen Palmenstrand-Fototapeten, deren Ränder sich neben den Gamble-Automaten feucht wellen. Woher die Vorliebe für Skai-Polsterbezüge in Sahara-Beige rührt, weiß keiner so recht zu sagen.  Am Fensterbrett lehnten verstaubte Seidenblumen, vermischten sich mit fleckigen Blättern eines ungepflegten Gummibaums, daneben eine Plastikgondel, Souvenir aus den Flitterwochen der Chefin.

 

 

Was auf den ersten, flüchtigen Blick unsauber wirken mag, beherbergt auch etwas Scheues, Rührendes, in sich Abgeschlossenes. Das Tony verbreitet den Nimbus eines privaten Wohnzimmers, wo keiner mit Besuch rechnet. Dementsprechend verhält sich auch die Stammklientel, zusammengewürfelt aus den Bewohnern der näheren Umgebung. Hier findet sie nach der Arbeit bis in die oft sehr späte Nacht ihr selbst gewähltes Zuhause. Eine Komplizenschaft ist zu spüren, geboren aus dem Wunsch nach Intimsphäre und anspruchslosem Entertainment.

 

 

Ich ließ mich auf das glatte Sahara-Beige fallen und kippte einen halben Liter Obi-g’spritzt. Ich war eine halbe Stunde zu früh. Am Nebentisch klackten Pokerwürfel gegen die Plastikwände eines  Spielbretts. Dartpfeile zischten ab und an durch die verrauchte Luft. Jemand bestellte mit heiserem Husten einen „Bonanza“, woanders lieblos Cola-Rot benamst, nebst einem „Baucherl“, wobei mit Bouchet einem billigem Rotwein unklarer Herkunft der Garaus gemacht wird und einen Spezialtoast mit Ketchup. Zwei junge Frauen mit überlangen, pinkfarbenen Nägeln riefen nach Ribiselwein und knabberten an der Tiramisu-Schnitte von gestern. Ein hagerer Mann undefinierbaren Alters malträtierte den Flipper bis zum „Tilt“.

 

 

„Hallo, Meisterin der Lettern!“, ein alter Freund setzte sich zu mir und bot mir eine Zigarette an.

 

 

„Nein danke, ich steh’ jetzt auf Kardinalschnitten“, sagte ich und grinste.

 

 

„Du musst wissen, was du tust“, antwortete Fritz, „aber sag, wie geht’s dir? Was treibst du? Du warst seit Wochen nicht mehr hier, hm? Arbeitest du an einer Story?“ er betonte das Wort Story mit amerikanischem Akzent, als würde es sich um die geheimen Schweinebucht-Unterlagen handeln.

 

 

„Wir sind hier nicht bei Citizen Cane, Fritzl, aber du hast Recht, ich arbeite an einer Story über Pellets. Du weißt schon – nachhaltige Entwicklung. Mein Spezialgebiet.“

 

 

„Klar, braves Mädchen. Eine muss sich um diese Sachen kümmern. Ist dir auch nicht langweilig dabei?“ Fritzens Stimme hatte einen leicht zynischen Unterton. Er war Lokalredakteur der Kronenzeitung und fühlte sich beizeiten wie John Wayne undercover.

 

 

Ich schüttelte den Kopf mit einem „Alles bestens!“ und überlegte, ob ich ihn ins Vertrauen ziehen konnte.

 

 

„Kennst du Stidronsky vom Jupiter?“, begann ich vage.

 

 

„Klar, Supertyp.“

 

 

„Hm“, seufzte ich.

 

 

„Was ist mit ihm?“

 

 

„Nichts. Sagt dir Binto-Wasser etwas?“

 

 

Fritzl schnaufte. „Dieser Binto-Schmäh. Lass’ mich bloß in Ruhe mit diesem Eso-Krempl. Von mir aus sollen die Leute ihre Euros den Binto-Leuten in den Rachen schmeißen. Es gibt immer ein paar gutgläubige Idioten.“

 

 

Zu den beiden pinkbenägelten Frauen setzte sich ein Typ mit Rod-Stewart-Haarschnitt. Ich fragte mich, welcher Friseur Derartiges im 3. Jahrtausend so einwandfrei hinbekam? „A Flügerl, aber dalli!“, schrie Rody-Boy durch den Raum.

 

 

„Was ist ein Flügerl, Fritz?“, flüsterte ich.

 

 

„Ganz was Leckeres, Wodka mit Red Bull“, kicherte Fritz.

 

 

„So was kann man bei der Affenhitze trinken ohne das Bewusstsein zu verlieren?“, ich freute mich, dass es im Tony immer wieder Neuigkeiten für mich gab.

 

 

„Ich dachte mir, dass du von Binto nichts wissen willst“, sagte ich zu Fritz, „aber du wirst sehen, es ist schon was dran.“

 

 

„Wie soll denn so was funktionieren, hm?“ grunzte er widerwillig, „Wasser mit Gedächtnis, ha! Das wäre ja super, alle Schüler hätten dann ein Glasl Wasser mit und schreiben ihre Arbeiten nur mehr mit ‚Sehr gut’.“

 

 

„Geh, Fritzl, diese Sache ist weitaus komplexer. Ich….ach, ist ja egal. Bestell mir bitte ein Tonic, ich brauche dringend etwas Chinin.“ Fritz stand auf, stakste zur Theke und lehnte sich so lässig wie es nur möglich war, gegen das Holzimitat. Rührend, irgendwie.

 

 

Ein großer Mischlingshund, der durch seine Querlage vor der Eingangstüre jeden Eintretenden zum vorsichtigen Darübersteigen zwang, hob nur kurz die Schnauze, als ein ‚middleaged man’ im Business-Dress eintrat, um dann wieder erschöpft einzudösen. Der Mann erkannte mich, da ich die einzige Person war, die allein an einem Tisch saß und deutete eine Verbeugung an. Sobald man sich die Frage stellt, warum alle rund um einen so eigenartig wirken, sollte man sich selbst in den Spiegel schauen oder die Medikamentendosierung ändern. Es war kein Spiegel  in der Nähe und so blickte ich eben meinem neuen Informanten auf die Krawatte. Das gewagte Kringel-Muster würde in der Nacht lebendig werden, da war ich sicher. Das Espresso Tony war so tolerant, dass selbst der Nadelstreif-Typ nicht weiter beachtet wurde.

 

 

„Ich arbeite für Dr. Kubinecz“, die Stimme des Mannes klang, als hätte er Reißnägel gefrühstückt.

 

 

„Arbeitete“, korrigierte ich.

 

 

„Ja, sehen Sie, er hat mich ganz in sein Vertrauen gezogen“, sprudelte er hervor, „und ich sage Ihnen, da liegt ein Verbrechen vor.“

 

 

Fritz hatte das Wort „Verbrechen“ von der Theke aus vernommen und war bereits an meiner Seite. „Verbrechen, sagen Sie? Was für ein Verbrechen?“ Fritz tat unbeteiligt, aber dennoch höflich interessiert.

 

 

„Mein Chef ist vergiftet worden“, antwortete der Nadelgestreifte.

 

 

„Haben Sie Zeugen?“ schoss Fritz hervor, der gleichzeitig sein Handy von der Espressomaschine nahm, um seine Zeitung zu informieren.

 

 

„Ja, Fritz“, bellte ich verärgert und hielt ihm das Titelblatt der Krone vor die Nase, „das ist sein Chef gewesen. Und die ganze Sache ist Schnee von Gestern.“

 

 

Enttäuscht gaffte Fritz auf das Titelblatt mit Kubineczs Konterfei.

 

 

„Ach“, meinte er, „dann hätten Sie vielleicht Zeit für ein Kurzinterview, Herr…?“ wandte er sich an den Nadelstreif.

 

 

„Ich bin mit dieser Dame verabredet und sehr beschäftigt, tut mir leid. Vielleicht ein anderes Mal. Würden Sie uns jetzt kurz entschuldigen?“

 

 

Fritz schlenderte im „Du-kannst-mich-mal-Rhythmus“ zurück zur Theke.

 

 

Ich sah ihm nach und fand es amüsant.

 

 

Als ich mich wieder dem Nadelstreif-Mann widmen wollte, erwägte ich tatsächlich die Möglichkeit, ob mit mir etwas nicht stimmte. Der Mann saß da, den Kopf hinten übergebeugt, ein dünner Blutstropfen rann über sein Kinn und tropft auf das grelle Kringelmuster seiner Krawatte. 

 

 

Die Pinkbenagelten kreischten, der Rod-Stewart-Verschnitt versteckte sich hinter der Gardarobe, die beiden Dart-Spieler beteuerten ihre Unschuld. Das war übrigens völlig überflüssig, denn im Rücken des Toten, exakt in der Mitte von zwei Nadelstreifen, steckte kein Dartpfeil, sondern ein schlankes Messer. Einfach so.

 

 

Fritz telefonierte mit seiner Chefredaktion. Sein Gesicht hatte einen fröhlichen Ausdruck angenommen, er war in seinem Element. Die Chefin rief derweilen die Polizei.

 

 

Ich hatte genug von diesem Wahnwitz und verließ das Espresso, als wäre ich in der Nachmittagsvorstellung von „Lethal Weapon II“ gewesen.

 

 

Als ich mit meinem Fiat die Taborstraße hinunterzuckelte, kamen mir zwei Polizeiautos mit Blaulicht und Sirene entgegen.

 

 

Ich beschloss, endlich die Pellets-Story zu Ende zu bringen.

 

 

Es war bereits dunkel, als ich im Büro ankam. Im Konferenz-Zimmer brannte Licht. „Aha“, sagte ich zu mir selbst und wusste selbst nicht, was ich damit sagen wollte. Wenn alle nur mehr reden würden, wenn sie tatsächlich etwas Sinnvolles mitzuteilen hätten, wäre dieser Planet verdammt still.

 

 

Ich klopfte an und trat ein, weil niemand antwortete. Wie ein dicker Karpfen lag er da, mein Boss, auf dem Rücken mit einer Gabel im Bauch – oder war es ein…? Ich wollte nicht länger darüber sinnieren. 

 

 

„Aus mit den Konferenzen, Boss“, sagte ich und setzte mich auf einen der Stahl-Schwinger, „jetzt kann ich Ihnen nicht einmal von dieser Nadelstreif-Sache erzählen. Hm.“

 

 

Ich rief die Bullen. Das war mir schon ganz geläufig. Auch das Durcheinander, die Verhöre und der ganze Klim-bim hatten bereits eine Art familiären Anstrich. Irrsinnig – aber gewohnt irrsinnig.

 

 

In meinem Schuhschachtel-Kämmerchen tippte ich an meinem Pellets-Artikel. Ich war beim letzten Drittel und fand ihn bis jetzt – unter diesen widrigen Umständen und ständigen Störungen – recht gut gelungen. Der Geschäftsführer des Holzclusters Steiermark hatte sich viel Zeit genommen, mich in die Geheimnisse der Pellets einzuweihen und ich schrieb ihm ein ‚Danke-e-mail’. 

 

 

„Leichen pflastern ihren Weg, was?“ Revierinspektor Schneider hatte seinen feschen Kopf in meine Schuhschachtel gesteckt und gab mir wieder einmal einen Termin für einen Revier-Besuch.

 

 

„Ich würde jetzt gerne meinen Artikel beenden, Herr Inspektor“, sagte ich samtig und er nickte verständnisvoll und schloss die Tür von außen. Blitzblaue Augen hatte er, aber ich hatte jetzt wirklich keine Zeit.

 

 

Beim Verlassen des Büros war es weit nach Mitternacht. Ich hörte den Schuss nicht, sondern spürte lediglich eine scharfen Stich in meiner linken Schulter und überlegte, was nun zu tun sein, während ich sanft in Ohnmacht fiel. Im Rettungswagen stellte man mir seltsame Fragen, ich dachte an meine Seidenunterwäsche, lächelte  und fiel wieder in eine tiefe Bewusstlosigkeit.

 

 

Als ich nach dem Spitalsaufenthalt ins Büro zurückkehrte, war mein Verlag gegen eine Firma, die Kühlschränke importierte, ausgetauscht worden. Ich fuhr also nach Hause. Die Hitzewelle war vorüber, es hatte angenehme 23 Grad – man schrieb den vierten September 2003.

 

 

An meiner Wohnungstür lehnte eine kirschrote, glänzende Schultüte von stattlicher Größe. Ich leerte den Inhalt auf meinen Wohnzimmertisch. Jede Menge Naschereien und – ein Vertrag. Man bot mir die Geschäftsführung eines Verlages an, der etwa dreißig Magazine im deutschsprachigen Raum auf dem Sektor Umweltschutz herausgab. Der Verlag hatte erst vor einer Woche den Besitzer gewechselt – es war ein ziemliches Holding-Wirr-Warr. Alleine die Recherche, wer nun wirklich der echte Besitzer wäre, würde Monate in Anspruch nehmen.

 

 

Der Streifschuss an meiner Hüfte und jener an meiner Schulter legten mir nahe, erst einmal auszuruhen. Also nahm ich an. Vorerst. Am besten lassen sich Systeme ja von innen heraus analysieren und zerstören.

 

 

 

 

 

Das große Hitzetier hat die Stadt verlassen. Man kann wieder atmen und die Nächte wohlig verschlafen. Die ersten Blätter fallen von den Kastanien. Wer jetzt keinen Verlag hat, baut sich keinen mehr, rezitiere ich laut und kichere. Ich stehe auf dem dunkelblauen, hochflorigen Teppich meines Penthouse-Büros und sehe durch die riesigen Fensterscheiben auf die Stadt. Dann nehme ich hinter dem ovalen Granit-Tisch Platz, strecke mich – so gut es geht – auf dem weißen Ledersessel und beginne das Ende des steirischen Pellets-Artikel in den Laptop zu tippen. Schließlich kann niemand von mir behaupten, ich wäre disziplinlos.

 

 

Ich gieße einen Schluck Wasser aus einer Karaffe, die auf dem Tisch steht, in ein Glas. In den Boden der Karaffe ist der Name „Binto“ eingraviert. Das liest man jetzt öfter. In den Supermärkten, Restaurants, auf Tankstellen, in Trafiken. Die Menschen wirken ruhiger – bloß die Blicke sind stumpf geworden wie ein altes Wurstmesser. Okay, das wird die nächste Recherche und sicher mehr als nur ein Artikel und dieses Mal lasse ich mich von nichts und niemand stören.

 

 

 

 

 

(erschienen in "Tatort Wien", Verlag Milena.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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